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Winter

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Wenn Eis in Zapfen hängt vom Dach
und Thoms, der Hirt vor Frost erstarrt, 
wenn Hans die Klötze trägt in Fach, 
die Milch gefriert in Eimern hart, 
die Spur verweht, der Weg verschneit, 
dann nächtlich friert der Kauz und schreit:
Tuhu, 
Tuwit uhu, ein lustig Lied,
derweil die Hanne Würzbier glüht.

Wenn Sturm dem Giebelfenster droht, 
im Schnee das Vöglein emsig pickt, 
wenn Lisbeths Nasde spröd und rot, 
der Pfarrer hustend fast erstickt, 
Bratapfel zischt in Schalen weit, 
dann nächtlich friert der Kauz und schreit:
Tuhu, 
Tuwit uhu, ein lustig Lied,
derweil die Hanne Würzbier glüht.


Orginalversion:


When icicles hang by the wall,
 And Dick the shepherd blows his nail,
And Tom bears logs into the hall,
 And milk comes frozen home in pail;
When blood is nipp'd, and ways be foul,
Then nightly sings the staring owl,
                      "Tu-whit, to-who!"—
A merry note,
While greasy Joan doth keel the pot.

When all aloud the wind doth blow,
 And coughing drowns the parson's saw,
And birds sit brooding in the snow,
 And Marian's nose looks red and raw;
When roasted crabs hiss in the bowl, 
Then nightly sings the staring owl,
                      "Tu-whit, to-who!"—
A merry note,
While greasy Joan doth keel the pot.





William Shakespeare, 1564 - 1616


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Bäume leuchtend

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Bäume leuchtend

Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süße spendend.
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend –
Solch ein Fest ist uns bescheret.
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und Her und immer wieder.

Aber, Fürst, wenn dir’s begegnet
Und ein Abend so dich segnet,
Dass als Lichter, dass als Flammen
Von dir glänzten all zusammen
Alles, was du ausgerichtet,
Alle, die sich dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.


Johann Wolfgang von Goethe




Photo copyright: Isabella Kramer
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Hans Hexelmann

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Hans Hexelmann

Der Drechselmann Hans Hexelmann
hat seinen Laden aufgetan.
Nun kommt, ihr Kinder, groß und klein,
und kauft die schönen Sachen ein!
Hier eine Peitsche, hier ein Pferd,
Da einen Helm und dort ein Schwert;
hier eine Puppe, hier ein Bett,
und dorten Küch und Kabinett;
Hanswurstel auch und Hutzelmann,
Kurz - was ein Herz nur wünschen kann.
Drum kommt, ihr Kinder, groß und klein,
und kauft die schönen Sachen ein!


Friedrich Güll


Photo copyright: Isabella Kramer
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Sankt Niklas' Auszug




Sankt Niklas zieht den Schlafrock aus,
klopft seine lange Pfeife aus
und sagt zur heiligen Kathrein:
Öl mir die Wasserstiefel ein,
bitte hol auch den Knotenstock
vom Boden und den Fuchspelzrock,
die Mütze lege oben drauf,
und schütte dem Esel tüchtig auf,
halt auch sein Sattelzeug bereit;
wir reisen, es ist Weihnachtszeit.

Und dass ich's nicht vergess, ein Loch
ist vorn im Sack, das stopfe noch!
Ich geh derweil zu Gottes Sohn
und hol mir meine Instruktion.
Die heilige Käthe, sanft und still,
tut alles, was Sankt Niklas will.
Der klopft indes beim Herrgott an,
Sankt Peter hat ihm aufgetan
und sagt: Grüß Gott! wie schaut's denn aus?
und führt ihn ins himmlische Werkstättenhaus.

Da sitzen die Englein an langen Tischen,
ab und zu Feen dazwischen,
die den kleinsten zeigen, wie's zu machen,
und weben und kleben die niedlichsten Sachen,
hämmern und häkeln, schnitzen und schneidern,
fälteln die Stoffe zu zierlichen Kleidern,
packen die Schachteln, binden sie zu
und haben so glühende Bäckchen wie Du.

Herr Jesus sitzt an seinem Pult
und schreibt mit Liebe und Geduld
eine lange Liste. Potz Element,
wieviel artige Kinder Herr Jesus kennt!
Die sollen die schönen Engelsgaben
zu Weihnachten haben.
Was fertig ist, wird eingepackt
und auf das Eselchen gepackt.
Sankt Niklas zieht sich recht warm an;
Kinder, er ist ein alter Mann,
und es fängt tüchtig an zu schnein,
da muss er schon vorsichtig sein.

So geht es durch die Wälder im Schritt,
manch Tannenbäumchen nimmt er mit;
und wo er wandert, bleibt im Schnee
manch Futterkörnchen für Hase und Reh.
Aus Haus und Hütte strahlt es hell,
da hebt er dem Esel den Sack vom Fell,
macht leise alle Türen auf,
jubelnd umdrängt ihn der kleine Hauf:
Sankt Niklas, Sankt Niklas,
was hast du gebracht?
was haben die Englein
für uns gemacht?
»Schön Ding, gut Ding,
aus dem himmlischen Haus;
langt in den Sack! holt euch was raus!«



Paula Dehmel, 1862-1918





Gemälde copyright: Isabella Kramer



Schneeflöckchen, Weißröckchen...





Schneeflöckchen, Weißröckchen,
Da kommst du geschneit;
Du kommst aus den Wolken,
Dein Weg ist so weit.
Komm, setz dich ans Fenster,
Du lieblicher Stern;
Malst Blumen und Blätter,
Wir haben dich gern.
Schneeflöckchen, du deckst
Uns die Blümelein zu,
Dann schlafen sie sicher
In himmlischer Ruh’.



Hedwig Haberkern, 1837-1902



Photo copyright: Isabella Kramer 
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Lureley

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Lureley

Singet leise, leise, leise,
Singt ein flüsternd Wiegenlied,
Von dem Monde lernt die Weise,
Der so still am Himmel zieht.
Denn es schlummern in dem Rheine
Jetzt die lieben Kindlein klein,
Ameleya* wacht alleine
Weinend in dem Mondenschein.
Singt ein Lied so süß gelinde,
Wie die Quellen auf den Kieseln,
Wie die Bienen um die Linde
Summen, murmeln, flüstern, rieseln.



Clemens Brentano, 1778-1842




*Ameleya - Prinzessin in "Das Märchen vom Müller Radlauf" von Brentano
Photo copyright: Isabella Kramer
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nun hat es sich gewendet

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Nun hat es sich gewendet, 
das grüne Buchenblatt, 
nun hat es sich geendet, 
was mich erfreuet hat. 

Die Rose hat verloren 
die roten Blüten all, 
was du mir hast geschworen, 
es war ein leerer Schall. 

Das Blatt am Buchenbaume 
gibt keinen Schatten mehr, 
dem allerschönsten Traume 
blüht keine Wiederkehr.


Hermann Löns, 1866 - 1914


Photo copyright: Isabella Kramer
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Expressionistischer Gesang

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Expressionistischer Gesang

Wie die Maler heute malen
Wie der Dichter heute dicht
So will ich jetzt humoristeln
Ob es gut ist oder nicht

Kanapee glüht Meeresfreiheit
Lippen blau aus Abendrot
Stille Nacht in Marmelade
Edle Kunst, behüt dich Gott.

A - b - c - d - e - f - g - h
i - k - l - m - n - o - p -
q - r - s - t - u - v - w - x
Ypsilon - z - f - f - (drei Pfiffe)

La la la la la la la la
La la la la la la li
Li li li li li li li li
Li li li li li li la.

(...)


Karl Valentin, 1882 - 1942 





Gemälde: Paul Klee - Aquarell aus Hammamet 1914

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Schöne, gute Nacht !

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Schöne, gute Nacht!

Allem schöne gute Nacht,
was da schläft und was noch wacht:
Kindern goldne Weihnachtsbäume,
Knaben Kampf- und Minneträume,
Jungfraun reiner Unschuld Walten,
Dichtern glänzende Gestalten,
Müttern aus prophet'schen Bronnen
ihrer Kinder künft'ge Wonnen,
Männern hoher Taten Mahnung,
Greisen nahen Friedens Ahnung;
allem schöne gute Nacht,
was da schläft und was noch wacht!



Friedrich Heinrich Karl Freiherr de la Motte-Fouqué, 1777 - 1843



Photo copyright: Isabella Kramer
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HeimatLose

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HeimatLose

Ich bin fast
Gestorben vor Schreck:
In dem Haus, wo ich zu Gast
War, im Versteck,
Bewegte sich,
Regte sich
Plötzlich hinter einem Brett
In einem Kasten neben dem Klosett,
Ohne Beinchen,
Stumm, fremd und nett
Ein Meerschweinchen.
Sah mich bange an,
Sah mich lange an,
Sann wohl hin und sann her,
Wagte sich
Dann heran
Und fragte mich:
„Wo ist das Meer?“



Joachim Ringelnatz 



Foto: Wikimedia Commons 
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Nebelweben

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Nebelweben

Der Nebelweber webt im Wald
ein weißes Hemd für sein Gemahl.
Die steht wie eine Birke schmal
in einem grauen Felsenspalt.

Im Winde schauert leis und bebt
ihr dämmergrünes Lockenlaub.
Sie läßt ihr Zittern ihm als Raub.
Der Nebelweber webt und webt ...



Christian Morgenstern 

Photo copyright: Isabella Kramer
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Das Vornamen-ABC-Gedicht mit dem Yak

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Agathe liebt Salate,
Brigitte Sahneschnitten
und Cäsar sprach Latein.

Daniela macht nie Fehler,
Emilie riecht nach Lilie
und Franzens Frack ging ein.

Gisella wäscht brav Teller,
Horst morst vom grünen Forst
und Irmtraud haust allein.

Jürgen muss immer würgen,
Karola trinkt gern Cola
und Lotte lieber Wein. 

Marianne in der Wanne
hört Norbert, der laut fordert:
Ophelia, komm bald heim!

Pauline nascht Pralinen,
Quirin will lieber hierhin,
Ralf-Rüdiger glitscht auf Schleim.

Sarah in der Sahara
sucht dort Theo, den Beo
und Utz bringt beide heim.

Verena kennt Athener,
Walter verschiedene Falter
und Xaver fängt sie ein.

Das Yak sagt: „So ein Quark!
Ich zottel wie ein Trottel
als letzter hinterdrein!“



mit freundlicher Genehmigung von: die amelie ´ 09


Photo copyright: Isabella Kramer
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Herbstgang

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Herbstgang

Die Bäume stehn der Frucht entladen,
Und gelbes Laub verweht ins Tal;
Das Stoppelfeld in Schimmerfaden
Erglänzt am niedern Mittagsstrahl.
Es kreist der Vögel Schwarm und ziehet,
Das Vieh verlangt zum Stall und fliehet
Die magern Aun, vom Reife fahl.

O geh am sanften Scheidetage
Des Jahrs zu guter Letzt hinaus
Und nenn ihn Sommertag und trage
Den letzten, schwer gefundnen Strauß.
Bald steigt Gewölk und schwarz dahinter
Der Sturm und sein Genoß, der Winter,
Und hüllt in Flocken Feld und Haus.

Ein weiser Mann, ihr Lieben, haschet
Die Freuden im Vorüberfliehn,
Empfängt, was kommt, unüberraschet,
Und pflückt die Blumen, weil sie blühn;
Und sind die Blumen auch verschwunden,
So steht am Winterherd umwunden
Sein Festpokal mit Immergrün.

Noch trocken führt durch Tal und Hügel
Der längstvertraute Sommerpfad.
Nur rötlich hängt am Wasserspiegel
Der Baum, den grün ihr neulich saht.
Doch grünt der Kamp von Winterkorne;
Doch grünt beim Rot der Hagedorne
Und Spillbeern unsre Lagerstatt!

So still an warmer Sonne liegend,
Sehn wir das bunte Feld hinan
Und dort, auf schwarzer Brache pflügend,
Mit Luftgepfeif, den Ackermann;
Die Krähn in frischer Furche schwärmen
Dem Pfluge nach und schrein und lärmen,
Und dampfend zieht das Gaulgespann.

Natur, wie schön in jedem Kleide!
Auch noch im Sterbekleid wie schön!
Sie mischt in Wehmut sanfte Freude,
Und lächelt tränend noch im Gehen.
Du, welkes Laub, das niederschauert,
Du Blümchen, lispelst: Nicht getrauert!
Wir werden schöner auferstehn!



Johann Heinrich Voß, 1751 - 1826




Photo copyright: Isabella Kramer
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Das Schicksal






Das Schicksal ist ein Wirbelwind,
ein armes Blatt, das Menschenkind.
Er treibt's zu Tal, er hebt's zum Hügel –
das Blättchen rühmt sich seiner Flügel.


- Hieronymus Lorm 


Photo copyright: Isabella Kramer
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Der Herbst

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Der Herbst

Dies ist der Herbst:
der – bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!
Die Sonne schleicht zum Berg
Und steigt und steigt
Und ruht bei jedem Schritt.

Was ward die Welt so welk!
Auf müd gespannten Fäden spielt
Der Wind sein Lied.
Die Hoffnung floh –
Er klagt ihr nach.

Dies ist der Herbst:
der – bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!
O Frucht des Baums,
Du zitterst, fällst?
Welch ein Geheimnis lehrte dich
Die Nacht,
Daß eisiger Schauder deine Wange,
Die Purpur-Wange deckt? –

Du schweigst, antwortest nicht?
Wer redet noch? – –

Dies ist der Herbst:
der – bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!
Ich bin nicht schön
– so spricht die Sternenblume –,
Doch Menschen lieb ich
Und Menschen tröst ich –

Sie sollen jetzt noch Blumen sehn,
Nach mir sich bücken
Ach! und mich brechen –
In ihrem Auge glänzet dann
Erinnerung auf,
"Erinnerung an Schöneres als ich: –
– ich seh's – und sterbe so." –

Dies ist der Herbst:
der – bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!




Friedrich Wilhelm Nietzsche, 1844 - 1900


Photo copyright: Isabella Kramer
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Das Flüchtigste

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Das Flüchtigste

Tadle nicht der Nachtigallen
Bald verhallend süßes Lied;
Sieh, wie unter allen, allen
Lebensfreuden, die entfallen,
Stets zuerst die schönste flieht.

Sieh, wie dort im Tanz der Horen
Lenz und Morgen schnell entweicht;
Wie die Rose, mit Auroren
Jetzt im Silberthau geboren,
Jetzt Auroren gleich erbleicht.

Höre, wie im Chor der Triebe
Bald der zarte Ton verklingt.
Sanftes Mitleid, Wahn der Liebe,
Ach, daß er uns ewig bliebe!
Aber ach, sein Zauber sinkt.

Und die Frische dieser Wangen,
Deines Herzens rege Gluth,
Und die ahnenden Verlangen,
Die am Wink der Hoffnung hangen -
Ach, ein fliehend, fliehend Gut!

Selbst die Blüthe Deines Strebens,
Aller Musen schönste Gunst,
Jede höchste Kunst des Lebens,
Freund, Du fesselst sie vergebens;
Sie entschlüpft, die Zauberkunst.

Aus dem Meer der Götterfreuden
Ward ein Tropfen uns geschenkt,
Ward gemischt mit manchem Leiden,
Leerer Ahnung, falschen Freuden,
Ward im Nebelmeer ertränkt.

Aber auch im Nebelmeere
Ist der Tropfen Seligkeit;
Einen Augenblick ihn trinken,
Rein ihn trinken und versinken,
Ist Genuß der Ewigkeit.

Johann Gottfried von Herder




Photo copyright: Isabella Kramer
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Das Auge der Maus

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Das Auge der Maus

Das rote Auge einer Maus
lugt aus dem Loch heraus.

Es funkelt durch die Dämmerung…
Das Herz gerät in Hämmerung –

"Das Herz von wem?" Das Herz von mir!
Ich sitze nämlich vor dem Tier –

O Seele, denk an diese Maus!
Alle Dinge sind voll Graus.



Christian Morgenstern 




Gemälde copyright: Isabella Kramer

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Die Felswand

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Die Felswand

Feindselig, wildzerrissen steigt die Felswand.
Das Auge schrickt zurück. Dann irrt es unstät
Daran herum. Bang sucht es, wo es hafte.
Dort! über einem Abgrund schwebt ein Brücklein
Wie Spinnweb. Höher um die scharfe Kante
Sind Stapfen eingehaun, ein Wegesbruchstück!
Fast oben ragt ein Tor mit blauer Füllung:
Dort klimmt ein Wanderer zu Licht und Höhe!
Das Aug verbindet Stiege, Stapfen, Stufen.
Es sucht. Es hat den ganzen Pfad gefunden,
Und gastlich, siehe, wird die steile Felswand.






Conrad Ferdinand Meyer, 1825 - 1898






Photo copyright: Isabella Kramer
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Reisespruch

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Bunte Dörfer, bunte Kühe,
Ackerpracht und Ackermühe,
Reichsten Lebens frischer Lauf.
Dreht sich alles weit im Kreise;
Mittendurch geht deine Reise:
Thu nur Herz und Augen auf.



Otto Julius Bierbaum, 1865 - 1910






Photo copyright: Isabella Kramer

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An den "Krökelorden"

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An den »Krökelorden«

Ein alter Kauz, im hohlen Baum
Vertieft in seinen Tagestraum,
Doch aufgewacht durch lautes Pochen
Von Meister Specht und durch die Lieder
Der Vöglein, ist hervorgekrochen
Und spricht also:
Ihr Waldesbrüder!
Die Welt, das läßt sich nicht bestreiten,
Hat ihre angenehmen Seiten;
Sie liefert Körner, Käfer, Mäuse
Zum Wohlgeschmack in jeder Weise
Und geht auch wohl so bald nicht unter.

Ich grüße Euch; bleibt nur hübsch munter
Und macht Euch möglichst viel Pläsier.
Doch ich, der alt und kalt geworden,
Ich passe nicht in Euren Orden;
Mir ziemt die Ruhe. Gönnt sie mir.

Und als der Kauz also gesprochen,
Ist er zurück ins Loch gekrochen.



Wilhelm Busch 





Photo copyright: Isabella Kramer


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Das Infusorium

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Das Infusorium

War einst ein Infusorium - 
Es war das grösste um und um 
in seinem Wassertropfen. 
Es saß und dacht': "Wer gleichet mir? 
Was bin ich für ein riesig Thier! 
Ich bin so groß! - So weit man sicht, 
Erschaut man meinesgleichen nicht!" 

Kam eine Maus an diesen Ort
die hatte Durst und trank sofort
den ganzen Wassertropfen.
Mit sammt den Infusorien all
fünfhunderttausend auf ein Mal.
Gar mancher Mensch ist solch ein Tor,
wie dieser brave Infusor.



Heinrich Seidel 



Photo copyright: Isabella Kramer

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Der Bauer und sein Sohn

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Der Bauer und sein Sohn

Der Bauer steht vor seinem Feld
und zieht die Stirne kraus in Falten.
"Ich hab den Acker wohlbestellt,
auf reine Aussaat streng gehalten;
nun seh mir eins das Unkraut an!
Das hat der böse Feind getan!"

Da kommt sein Knabe hochbeglückt,
mit bunten Blüten reich beladen;
im Felde hat er sie gepflückt,
Kornblumen sind es, Mohn und Raden.
Er jauchzt: "Sieh, Vater, nur die Pracht!
Die hat der liebe Gott gemacht!"





Julius Karl Reinhold Sturm, 1816 - 1896






Photo copyright: Isabella Kramer




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Der Sommer




Sommer

Der Sommer dehnt sich durch des Himmels weiße Glut,
ein Schattenkönig, der ein Urteil sieht vollstrecken.
Despotisch siehst du ihn die fahlen Arme recken,
der müde Landmann schläft und jede Arbeit ruht.

Die Lerche sang heute nicht, sie blieb bei ihrer Brut.
Nicht eine Wolke will ein wenig Blau verdecken,
und nicht ein Windhauch will ein leises Säuseln wecken.
Die Stille lastet schwer auf Wiese, Hain und Flut.

In dieser starren Ruh verstummen selbst die Grillen,
die Bäche fließen nur in schmalen, seichten Rillen,
ihr Kieselbett ist leer, und gelb das Ufermoos.

Im grünen Tümpel nur im Schatten jener Espen,
da schwirren glitzernd noch Libellen ruhelos,
und manchmal blitzen durch die Luft schwarzgelbe Wespen.




Paul Verlaine, 1844 - 1896


Photo copyright: Isabella Kramer

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Attila, der Hunnenkönig

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ttila, der Hunnenkönig,
mochte Eis am liebsten cremig.

Uttila, der Hannenkönig,
aß selbst viel, die Hannen wenig.

Hunnila, der Attenkönig,
brüllte oft, war´ s Wetter föhnig.

Attinnen, der Hullaherrscher,
war bloßfäustiger Zermerscher.

Unnila, Hatten-Regent,
führte strengstes Regiment.

Hannilein, den Uttenfürst,
lockten Rentier-Räucherwürst.

Huttila, der Annenprinz,
sagte stets: „ i glaub, ihr spinnts!“

Huntila, dem Atnenkämpfer,
gab das immer einen Dämpfer.

Annilein, die einzge Frau,
ward Attinnens Braut. Schau schau!
Bracht´ ihm so das Huttenreich.
Ach, es läuft doch immer gleich!






mit freundlicher Genehmigung von: die amelie ´ 09
.initiale: John D. Batten, 1892


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Lügen und Tatsachen

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Lügen und Tatsachen 

Ich bin klein … 
das stimmt so nicht
nur wenn ich es selber glaube
fällt es richtig ins Gewicht

Ich bin dumm …
wär auch nicht schlimm
weil ich es ja gar nicht bin

Ich bin hässlich ...
Ansichtssache 
und mein Spiegel meint okay
ich will ihm nicht widersprechen
und drum mag ich, was ich seh

Größe, Klugheit, was auch immer
letztlich zählt, was in dir steckt
und egal wie dumm und klein
hässlich, grün, mit, ohne Bein
Güte, Liebe ist's die gilt
unbeirrbar festzuhalten
sie ist das, was wirklich zählt






isabella.kramer©veredit 2016 




Photo copyright: Isabella Kramer
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Die Raupe

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Die Raupe

Die Raupe auf dem Baume saß
Und von der Kron' die Blätter fraß.
Sie war im bunten Kleide,
Als wie von Samt und Seide,
Ein Staatsminister ging vorbei,
Der sah das Tier und rief: "Ei, ei!
Wie konnt es dir gelingen?
's geht nicht zu mit rechten Dingen!
Du unbegreiflich dummes Tier!
Ich wund're mich, drum sage mir:
Wie hast du's unternommen
Und bist so hoch gekommen?"
Und als die Raupe blieb nicht stumm,
Da wurd' er rot und dreht sich um.
Die Raupe hat gesprochen:
"Mein Freund, ich bin gekrochen!"



Adolf Glaßbrenner, 1810 - 1876




Photo copyright: Isabella Kramer



Es rollen Räder tagaus, tagein

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Es rollen Räder tagaus, tagein,
Und die Fenster singen ins Zimmer herein.
Die Scheiben sehen vertieft hinaus,
Als spähen sie nach den Rädern aus.

Sie grübeln über der Räder Sinn,
Und es singen die Fenster ganz sacht vor sich hin.
Wie Verliebte, die nicht mehr bei sich sind,
So summen die Scheiben hinaus in den Wind.

Und draußen rollen tagaus, tagein
Die Räder über das Pflastergestein.
Und jede Scheibe bewegt mitklingt,
Als ob im Rhythmus ihr Glasherz schwingt.




Max Dauthendey, 1867-1918



Photo copyright: Isabella Kramer
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Wieder duftet der Wald

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Wieder duftet der Wald. 
Es heben die schwebenden Lerchen 
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war; 
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war, – 
aber nach langen, regnenden Nachmittagen 
kommen die goldübersonnten 
neueren Stunden, 
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten 
alle die wunden 
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen. 

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser 
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz. 
Alle Geräusche ducken sich ganz 
in die glänzenden Knospen der Reiser.



Rainer Maria Rilke


Photo copyright: Isabella Kramer
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Höre, liebe Kleine

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Höre, liebe Kleine


Märchen will ich dir erzählen
Sagen spinnen in dein Haar
von entführten schönen Prinzen
die zu retten aus Gefahr
nur die mutigsten der Frauen
auserkoren worden sind


von verrückten Abenteuern
die man barfuß nur erlebt
und von fernen Leuchtturmfeuern
die dir weisen deinen Weg
wenn du längst dich wähnst zu alt
um an Märchen noch zu glauben


ganz am Ende der Geschichten
sollte stets ein Schimmer leuchten
voller  Zuversicht und Glück
liebes Kind denn deine Träume
bringen mir zur großen Freude
meine eigenen zurück




isabella.kramer©veredit16





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Kontakt über email: vere_dit@yahoo.de


Photo copyright: Isabella Kramer


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Fahrt mit Daddeldu

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Rumba)

Alle Mann an Deck!
Unser Schiff ist leck –
Neunzehnhundertzweiundreißig – Rumba!
Eh wir untergehn,
Wolln wir uns noch drehn
Im Orkan – Windstärke 12 – im Rumba.

Kuttel Daddeldu
Klebt das Schiffsleck zu
Und steigt in den Mastkorb mit der Buttel.
Alles jubelt laut.
Durch die Buttel schaut
Nach dem Kap der Hoffnung unser Kuttel.

Und das Schifflein rollt.
Alles tanzt und tollt.
Schöne Nixen knicksen auf und nieder,
Und der Kapitän
Schmunzelt souverän.
Daddeldu singt furchtbar laute Lieder.

Joachim Ringelnatz, 1883 - 1934





[Ringelnatz: Verstreut Gedrucktes. Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk, S. 1312 (vgl. Ringelnatz-GW Bd. 2, S. 235)
Photo copyright: Isabella Kramer



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Deinethalben

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Die Sonne scheint für dich –
deinethalben,
und wenn sie müde wird,
fängt der Mond an,
und dann werden
die Sterne angezündet.


Søren Kierkegaard





Photo copyright: Isabella Kramer

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Offenbarung






Offenbarung

Natur spricht laut in Wort und Schrift
Du mußt nur Windeswehen
Und Duft und Klang und Wald und Trift
Und Fels und Meer verstehen!

Ein jeder Baum, der braust in Wettern,
Und jede Blume auf der Flur,
Und jeder Zweig ist voll von Blättern
Der Offenbarung der Natur.

Auf jedem Blatt steht licht und offen:
"O glaub' an helle Frühlingsluft!"
Auf jedem Blatt steht grünes Hoffen,
Still flüsternd um die Blumenbrust.

Auf jedem Blatt steht groß geschrieben:
"Der Geist der Lieb' durchweht die Flur!"
Auf jedem Blatt steht: "Lieben! lieben!"
Als Offenbarung der Natur.


Hermann Rollett, 1819 - 1904





Photo copyright: Isabella Kramer



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Maienflocken

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Maienflocken


Weiße Blüten streut der Wind
Wirbelnd von den Zweigen;
Komm’, wir wollen uns, mein Kind,
Seinem Spiele neigen!


O, wie lieblich ist der Tanz
All’ der Maienflocken;
Möchten gern im Sonnenglanz
Schmücken deine Locken.


Zählen will ich dann sie dir
Drunten an dem Flüßchen,
Und ich tausche dir dafür
Stück für Stück ein Küßchen.


Komm’, o komm’, mein holdes Kind,
Laß den Lenz dir zeigen,
Weiße Blüten streut der Wind
Wirbelnd von den Zweigen!



Josef Huggenberger, 1865–1945





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Sag an, o lieber Vogel mein

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"Sag an, o lieber Vogel mein,
Sag an, wohin die Reise dein?"
Weiß nicht, wohin,
Mich treibt der Sinn,
Drum muß der Pfad wohl richtig sein!

"Sag an, o liebster Vogel mir,
Sag, was verspricht die Hoffnung dir?
Ach, linde Luft 
Und süßen Duft
Und neuen Lenz verspricht sie mir!

"Du hast die schöne Ferne nie
Gesehen, und du glaubst an sie?"
Du frägst mich viel,
Und das ist Spiel,
Die Antwort aber mach mir Müh'!

Nun zog in gläubig-frommem Sinn
Der Vogel übers Meer dahin,
Und linde Luft
Und süßer Duft,
Sie wurden wirklich sein Gewinn!





Christian Friedrich Hebbel, 1813 - 1863




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Es gibt noch Wunder

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Es gibt noch Wunder, liebes Herz,
getröste dich!
Erlöste dich
noch nie ein Stern aus deinem Schmerz?


Das Strahlenspiel
vom hohen Zelt
in deiner Qualen
Tiefe fiel
und sprach: "Sieh, wie ich zu dir kam
vor allen andern ganz allein!
Bin ich nicht dein?
Getröste dich!"


Erlöste dich
noch nie ein Stern?





Christian Morgenstern




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