Gänsegespräch

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Gänsegespräch


Zur weißen Gans sprach einst vertraulich eine graue:
"Laß uns spazieren gehn nach jener grünen Aue;
Dort tun wir beide uns im jungen Grase gütlich,
Denn in Gesellschaft gackt es sich doch gar gemütlich."
"Nein", sprach die weiße Gans, "da muß ich refüsieren,
Mit meinesgleichen nur geh' ich am Tag spazieren,
Vertraulichkeit mit dir gereichte nur zur Schande,
Zwar bin ich eine Gans, doch eine Gans von Stande."



Julius Sturm, 1816 - 1896





Illustration copyright: Isabella Kramer 


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Prager Heilige

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Prager Heilige

Große Heilige und kleine
feiert jegliche Gemeine,
hölzern und von Steine feine,
große Heilige und kleine.

Heilige Annen und Kathrinen,
die im Traum erschienen ihnen,
baun sie sich und dienen ihnen,
heilige Annen und Kathrinen. 

Wenzel laß ich auch noch gelten,
weil sie selten ihn bestellten,
denn zu viele gelten selten,
nun, Sankt Wenzel lass' ich gelten.

Aber diese Nepomuken!
Von des Torgangs Luken gucken
und auf allen Brucken spucken
lauter, lauter Nepomuken. 


Rainer Maria Rilke, 1875 - 1926







Gemälde Copyright: 
Isabella Kramer 


Bitte beachten Sie das Urheberrecht: Copyright Texte, Fotos und Grafiken = Isabella Kramer, veredit - wenn nicht anders erwähnt. Auch für private Homepages dürfen diese Texte, Fotos und Grafiken nicht ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis verwendet werden! Wenn Sie meine Gedichte oder Bilder verwenden wollen, fragen Sie mich bitte. 
Kontakt über E-Mail: vere_dit@yahoo.de


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Nach Norden

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Nach Norden

Palmström ist nervös geworden;
darum schläft er jetzt nach Norden.

Denn nach Osten, Westen, Süden
schlafen, heißt das Herz ermüden.

(Wenn man nämlich in Europen
lebt, nicht südlich in den Tropen.)

Solches steht bei zwei Gelehrten,
die auch Dickens schon bekehrten –

und erklärt sich aus dem steten
Magnetismus des Planeten.

Palmström also heilt sich örtlich,
nimmt sein Bett und stellt es nördlich.

Und im Traum, in einigen Fällen,
hört er den Polarfuchs bellen.


Christian Morgenstern, 1871 - 1914




Foto von Cherise Evertz auf Unsplash

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Ein Lied hinter dem Ofen zu singen

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Ein Lied
hinterm Ofen zu singen.

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Und scheut nicht Süß noch Sauer.

War je ein Mann gesund, ist er’s;
Er krankt und kränkelt nimmer,
Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs,
Und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an,
Und läßt’s vorher nicht wärmen;
Und spottet über Fluß im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
Und alle warme Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn’s Holz im Ofen knittert,
Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht,
Und Teich’ und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
Denn will er sich todt lachen. –

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
Beym Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.


Matthias Claudius, Erstdruck 1782 



Gemälde Copyright: 
Isabella Kramer 


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Wintermärchen

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Wintermärchen

Auf dem Baum vor meinem Fenster
Saß im rauhen Winterhauch
Eine Drossel, und ich fragte:
»Warum wanderst du nicht auch?

Warum bleibst du, wenn die Stürme
Brausen über Flur und Feld,
Da dir winkt im fernen Süden
Eine sonnenschöne Welt?«

Antwort gab sie leisen Tones:
»Weil ich nicht wie andre bin, 
die mit Zeiten und Geschicken
Wechseln ihren leichten Sinn.

Die da wandern nach der Sonne
Ruhelos von Land zu Land,
Haben nie das stille Leuchten
In der eignen Brust gekannt.

Mir erglüht's mit ew'gem Strahle
– Ob auch Nacht auf Erden zieht –,
sing' ich unter Flockenschauern
Einsam ein erträumtes Lied.

Wundersamer Trost der Schmerzen!
Doch nur jene kennen ihn,
Die in Nacht und Sturm beharren
Und vor keinem Winter fliehn.

Dir auch leuchtet hell das Auge;
Deine Wange zwar ist bleich;
Doch es schaut der Blick nach innen
In das ew'ge Sonnenreich.

Laß uns hier gemeinsam wohnen,
Und ein Lied von Zeit zu Zeit
Singen wir von dürrem Aste
Jenem Glanz der Ewigkeit.«


Otto Ernst, 1862 - 1926




Photo copyright: Isabella Kramer

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