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Die Blätter fallen

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Die Blätter fallen


Die Blätter fallen, fallen wie von weit, 
als welkten in den Himmeln ferne Gärten; 
sie fallen mit verneinender Gebärde. 

Und in den Nächten fällt die schwere Erde 
aus allen Sternen in die Einsamkeit. 

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. 
Und sieh dir andre an: es ist in allen. 

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen 
unendlich sanft in seinen Händen hält.





Rainer Maria Rilke, 1875 - 1926




Photo copyright: Isabella Kramer 

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Herbst

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Herbst


Rings ein Verstummen, ein Entfärben;
Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise,
Die Zeit der Liebe ist verklungen,
Die Vögel haben ausgesungen,
Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden
Aus dem Verfall des Laubes tauchen
Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen
Ist mir, als hör ich Kunde wehen,
Daß alles Sterben und Vergehen
Nur heimlichstill vergnügtes Tauschen.



Nikolaus Lenau, 1802 - 1850




Photo copyright: Isabella Kramer


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Guano

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Guano


Ich weiß eine friedliche Stelle
Im schweigenden Ozean,
Kristallhell schäumet die Welle
Am Felsengestade hinan.
Im Hafen erblickst du kein Segel,
Keines Menschen Fußtritt am Strand;
Viel tausend reinliche Vögel
Hüten das einsame Land.

Sie sitzen in frommer Beschauung,
Kein einz'ger versäumt seine Pflicht,
Gesegnet ist ihre Verdauung
Und flüssig als wie ein Gedicht.
Die Vögel sind all' Philosophen,
Ihr oberster Grundsatz gebeut:
»Den Leib halt' allezeit offen
Und alles andre gedeiht.«

Was die Väter geräuschlos begonnen,
Die Enkel vollenden das Werk;
Geläutert von tropischen Sonnen,
Schon türmt es empor sich zum Berg.
Sie sehen im rosigsten Lichte
Die Zukunft und sprechen in Ruh':
»Wir bauen im Lauf der Geschichte
Noch den ganzen Ozean zu.«

Und die Anerkennung der Besten
Fehlt ihren Bestrebungen nicht,
Denn fern im schwäbischen Westen
Der Böblinger Repsbauer spricht:
»Gott segn' euch, ihr trefflichen Vögel,
An der fernen Guanoküst', –
Trotz meinem Landsmann, dem Hegel,
Schafft ihr den gediegensten Mist!«

Joseph Victor von Scheffel, 1826 - 1886



Foto von TC Photography auf Unsplash

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Herbst

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Herbst

September sitzt auf einer hohlen Weide,
Spritzt Seifenblasen in die laue Luft;
Die Sonne sinkt; aus brauner Heide
steigt Ambraduft

Als triebe Wind sie, ziehn die leichten Bälle
Im goldnen Schaum wie Segel von Opal,
Darüber schwebt in seidener Helle
Der Himmelssaal.

Auf fernen Tennen stampft der Erntereigen,
Im Takt der Drescher schwingt der starre Saum.
Handörgelein und Baß der Geigen
Summt süß im Raum.



Ricarda Huch, 1864 - 1947





Foto Copyright: Isabella Kramer


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Vormittag am Strand

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Es war ein solcher Vormittag
wo man die Fische singen hörte;
kein Lüftchen lief, kein Stimmchen störte, 
kein Wellchen wölbte sich zum Schlag. 

Nur sie, die Fische brachen leis
der weit und breiten Stille Siegel
und sangen millionenweis'
dicht unter dem durchsonnten Spiegel. 


Christian Morgenstern 




Photo Copyright: Isabella Kramer


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Wegwarte

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Wegwarte


Mit nackten Füßchen am Wegesrand,
die Augen still ins Weite gewandt
saht ihr bei Ginster und Heide
das Mädchen im blauen Kleide?

 „Das Glück kommt nicht in mein armes Haus,
drum stell' ich mich hier an den Weg heraus;
und kommt es zu Pferde, zu Fuße,
ich tret' ihm entgegen mit Gruße."

Es ziehen der Wanderer mancherlei
zu Pferd, zu Fuß, zu Wagen vorbei.
— „Habt ihr das Glück nicht gesehen?"
Die lassen sie lachend stehen.

Der Weg wird stille, der Weg wird leer.
„So kommt denn heute das Glück nicht mehr?"
Die Sonne geht rötlich nieder,
ihr starren im Wind die Glieder.

Der Regen klatscht ihr ins Angesicht,
sie steht noch immer, sie merkt es nicht:
— „Vielleicht ist es schon gekommen,
hat die andere Straße genommen."

Die Füßchen wurzeln am Boden ein,
zu Blumen wurde der Augen Schein.
Sie fühlt's und fühlt's wie im Traume,
sie wartet am Wegessaume.



Isolde Kurz, 1852 - 1944





Photo Copyright: Isabella Kramer



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Frohes Beginnen

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Frohes Beginnen

Des Spinnleins Netz im Stubeneck
reißt mit Gewalt der Sturmwind weg.
Wohl steht das Tierlein ganz entsetzt
vorm Kunstwerg, das nun so zerfetzt. 

Ameisenvölchen baut mit Fleiß
sich einen Staat. Da naht sich leis
verderbenbringende Gewalt,
zerstört den Bau. Allein alsbald
ist jedes Tierlein auf dem Plan
und fängt die Arbeit wieder an!
            
Was wir gespielt einst und gesungen,
ist lange ungehört verklungen.
Das macht uns keinen großen Schmerz.
Wir fassen uns vergnügt ein Herz
und fangen frisch von Neuem an!
Helf' jeder mit, so gut er kann! 


Friedel Rüdinger



Photo Copyright: Isabella Kramer


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Wasser

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Wasser


Doch nun will ich dienen der Menschenhand,

In der Thäler sanftes, grünes Gewand

Will ich den silbernen Gürtel weben,

Will die frommen, hellen,

Plaudernden Wellen

Ruhig schlängelnd durch Gärten gießen,

Will schwatzend an Blumen vorüberfließen;

Der Hirsch, das Reh

Sollen aus meinen Fluten trinken

Und in holdem Weh,

Wenn die Sterne blinken,

Mag eine Jungfrau, die einsam wacht

In lauer Sommernacht,

Meinem Rauschen

Lauschen.




Friedrich Theodor von Vischer, 1807 - 1887



Photo copyright: Isabella Kramer

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Hochsommer

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Hochsommer

In schwüler Mittagsstunde
Lieg' ich am Bach ins Gras gestreckt;
Kein Laut in weiter Runde,
Der mich aus dämmerndem Traume weckt.

Leicht in den Lüften weben
Sommerfäden den silbernen Zwirn,
Halme und Gräser schweben
Über der Brust mir und über der Stirn.

Und Bienen und Schmetterlinge
Blaue Libellen umsummen mich leis:
Viel süßere, heimliche Dinge
Trag' ich im Herzen, die keiner weiß.

Buntschimmernde Liebesgedanken,
Lange verborgen in tiefer Gruft,
Sie heben die Flügel, die schwanken,
Und schwirren hinaus in den Sommerduft.

Ich seh' sie flattern und gaukeln
Um wehende Gräser im Sonnenstrahl,
Wie Elfen auf Blumen sich schaukeln,
Ein lustiges Völkchen allzumal.

Freut euch, ihr goldnen Dinger,
Die Lust wird rasch zu Ende sein,
Des Herzens dunkler Zwinger
Schließt bald euch alle wieder ein.


Richard von Volkmann, 1830 - 1889




Gemälde: Dulcibella the Bubble Fairy, Illustration aus dem Kinderbuch: Dulcibella and the Fairies von Hilda T. Milla 1922


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Das Kornfeld

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Das Kornfeld

Was ist schöner als ein Feld,
wenn die Halme, all die schlanken,
leise schwanken
und ein Halm den anderen hält?

Wenn im Korn die Blumen blühn,
leuchtend rot und blau dazwischen,
und sich mischen
lieblich in das sanfte Grün?

Wenn es flüsternd wogt und wallt,
Lerchen sich daraus erheben,
drüber schweben,
und ihr Lied herniederschallt?

Dann den schmalen Pfad zu gehen
Durch das Korn, welch eine Wonne!
Nur die Sonne,
nur die Lerche kann uns sehen!

Johannes Trojan, !837 - 1915






Photo Copyright: Isabella Kramer




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Sommernacht

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Sommernacht

An ferne Berge schlug wie Donnerkeulen
ein rasch verrauschtes Nachmittagsgewitter.
Die Bauern zogen heim auf müden Gäulen,
und singend kehrten Winzervolk und Schnitter.
Auf allen Dächern qualmten blaue Säulen
genügsam himmelan, ein luftig Gitter.
Nun ist es Nacht, es geistern schon die Eulen,
einsam aus einer Laube klingt die Zither.


Detlev von Liliencron, 1844 - 1909







Photo Copyright: Isabella Kramer





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Sommertraum

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Sommertraum


Golddurchflammte Ätherwogen,
Schwerer Äste grüne Bogen,
Süß verwob'ne Träumerei'n…
Sommer, deine warmen Farben,
Helle Blumen, gold'ne Garben
Leuchten mir ins Herz hinein…

In dem Wald, dem dämm'rig düstern,
Hörst du's rauschen, lispeln, flüstern,
Elfenmärchen – Duft und Schaum…?
Blumenkinder nicken leise,
Lauschen fromm der alten Weise
Von des Waldes Sommertraum…

Und der See, der windumfächelt
Lallend plätschert, sonnig lächelt,
Netzt das Schilf aus lauem Born…
Rosen blühen am Gelände,
Rosenglut, wo ich mich wende,
Und im Herzen tief ein Dorn…





Lisa Baumfeld, 1877 - 1897



Photo Copyright: Isabella Kramer



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Die beiden Kornähren

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Die beiden Kornähren


Mit stolz erhabener Stirn und nicht durch Last gedrückt

sprach einst ein leerer Halm zu einer vollen Ähre:

Wie kommt es, dass dein Haupt so nach dem Boden nickt?

Sogleich versetzt die dem Brüderchen zur Lehre:

Ich stünde freilich nicht so tief hinab gebückt,

wenn ich so leer wie du in meiner Stirne wäre!



 - Johann Nikolaus Götz, 1721 - 1781






Photo copyright: 
Isabella Kramer

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Der kluge Peter

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Der kluge Peter


Der Peter sass im Sonnenschein
     Auf einem Stein
Und freute sich und lachte.
Was freut sich Peter nur so sehr?


Das Rätsel schien mir wahrlich schwer –
     Doch er sass da und lachte.

Als ich die Neugier nicht mehr trug
     Und endlich frug,
Warum er denn so lachte?


Sprach er: »Die Welt ist wunderschön!
Und ich darf drin spazieren gehn!«
     Er sah mich an und lachte.

»Ei, Peter, du hast wirklich Recht!
     Das ist nicht schlecht!«


»Nicht wahr?« sprach er und lachte,
»Die Weisheit lernet Ihr erst jetzt?«
Da hab ich mich zu ihm gesetzt
     Und freute mich, und lachte.


August Sturm, 1852 - 1923





Foto von Albert Klein auf Unsplash

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Uns sei Blume-sein groß!

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Uns sei Blume-sein groß!

Weiß die Natur noch den Ruck,
Da sich ein Teil der Geschöpfe
Abriß vom stetigen Stand?
Blumen, geduldig genug,
Hoben nur horchend die Köpfe,
Blieben im Boden gebannt.

Weil sie verzichteten auf
Gang und gewillte Bewegung,
Stehn sie so reich und so rein.
Ihren tiefinneren Lauf,
Voll von entzückter Erregung,
Holt kein Jagender ein.

Innere Wege zu tun
An der gebotenen Stelle,
Ist es nicht menschliches Los?
Anderes drängt den Taifun,
Anderes wächst mit der Welle, –
Uns sei Blume-sein groß.



Rainer Maria Rilke, 1875 - 1926






Photo copyright: 
Isabella Kramer



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Auf der Wiese...

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Auf der Wiese...


Auf der Wiese webt und schwebt

Elbenringelreigen;

Feiner Flüsschen Schnee sich hebt

zu geheimen Geigen.

Schleier schlingen sich im Ring,

Silberflechten flimmern,

Flügel wie vom Schmetterling

scheu im Monde schimmern.

Jedes Köpfchen krönt ein Kranz

goldner Leuchtlaternchen,

wunderwirr verstrickt der Tanz

all die tausend Sternchen.




Christian Morgenstern, 1871 - 1914





Gemälde: Midsummer Eve (1908), Edward Robert Hughes



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Fabel vom Unkraut

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Fabel vom Unkraut

Hirtentäschel sprach zur Melde:
„Warum haben wir kein Beet?
Selbst aus seinem größten Felde
mürrisch uns der Bauer jät.

Raps und Leinen sind von allen
wohlgelitten und gehegt,
plumpe Rüben auch gefallen,
und die Erbse wird gepflegt.

Sind wir denn von mindrer Güte
als des Krautes blauer Kopf?
Zierten wir nicht manche Hüte,
flochten Kränze manchem Schopf?“

Und die Nessel und die Möhre
mischten ihre Stimmen ein,
auch des Schachtelhalmes Föhre
wollte nicht verachtet sein.

Schickten drum zu jenem Gotte,
der sie spielend einst gebar.
„Löst uns von diesem Spotte!“
rief der Blumen Klägerschar.

Winde schwenkte weiße Glocken,
Distel ihren Dornenhut,
um den Gott zu sich zu locken,
werbend um sein Gnadengut.

„Ach, wenn nicht die Kinder wären
und die Bienen nimmersatt“,
schrien sie unter Honigzähren,
„längst wärn wir des Blühens satt.“

Beugte sich der Gott zu jeder,
hob sie vor sein Angesicht,
pries der Nelke rote Feder
und des Senfkrauts gelbes Licht.

„Blüht ihr nicht vor meinem Auge?“
mahnte mild, der sie gemacht.
„Fragt ich, ob der Mensch mir tauge,
reuten müsst ich Tag und Nacht.“



Martin Raschke, 1905 - 1943





Photo credit: Isabella Kramer

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Mittsommer

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Mittsommer

Der längste Tag, ganz kurz die Nacht - 
das ist die Sommersonnenwende.
Ein Grund zum Feiern allemal,
denn Sonnenlicht scheint ohne Ende

auf fröhlich strahlende Gesichter,
auf Locken unter Blumenkränzen,
wirbelnde Freunde, die bei Tänzen
sich lachend an den Händen halten.

Johannisnächte heißt's in alten
Geschichten, das sind Zaubernächte. 
Voll Glück und Gaben der Natur,
selbst Seen und Flüsse haben Mächte. 

Manch einer sammelt Blumen, Pflanzen,
heut' Nacht sind ihre Kräfte stark.
Mit Trollen um die Feuer tanzen,
auch drüber springen, wenn man mag.


Durchlässig ist in dieser Nacht
die Wand ins Reich der Feenmagie.
Ja, selbst im Morgentau danach,
natürlich barfuß, spürst du sie. 


veredit©isabella.kramer25



Gemälde copyright: Isabella Kramer 


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Am Moor

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Am Moor

Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr
In der Stille des Moors. Am grauen Himmel
Ein Zug von wilden Vögeln folgt;
Quere über finsteren Wassern.

Aufruhr. In verfallener Hütte
Aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis;
Verkrüppelte Birken seufzen im Wind.

Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert
Die sanfte Schwermut grasender Herden,
Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern.


Georg Trakl 





Photo credit: Isabella Kramer


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Der Sommer

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Der Sommer


Der Sommer, der Sommer,
Der schenkt uns Freuden viel:
Wir jagen dann und springen
Nach bunten Schmetterlingen
Und spielen manches Spiel.

Der Sommer, der Sommer,
Der schenkt uns manchen Fund:
Erdbeeren wir uns suchen
Im Schatten hoher Buchen
Und laben Herz und Mund.

Der Sommer, der Sommer,
Der heißt uns lustig sein:
Wir winden Blumenkränze
Und halten Reigentänze
Beim Abendsonnenschein.



von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben,1798-1874 




Photo copyright: 
Isabella Kramer

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Die Sonne

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Die Sonne

»Und sollt' der Eulen ganzes Heer
Am Sonnenlicht erblinden,
Noch sendet sie ihr Strahlenmeer,
Das weite Weltall um sich her
Mit Leben zu entzünden.«

Doch sieh, wie sanft sich in der Luft
Die Nebel rings zerstreuen!
Sie läßt den Eulen ihre Kluft,
Dem Maulwurf seine düstre Gruft
Und will mit Licht erfreuen.

So laß, wenn Deine Flammen glühn,
Nicht schrecken sie, nicht toben!
Laß, wer da fliehen will, entfliehn!
Was blühen kann, wird durch sie blühn
Und Dich als Sonne loben.





Johann Gottfried von Herder, 1744 - 1803




Foto copyright: Isabella Kramer

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Siehe, auch ich - lebe!

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Siehe, auch ich – lebe


Also ihr lebt noch, alle, alle, ihr,

am Bach ihr Weiden und am Hang ihr Birken,

und fangt von neuem an, euch auszuwirken,

und wart so lang nur Schlummernde, gleich – mir.


Siehe, du Blume hier, du Vogel dort,

sieh, wie auch ich von neuem mich erhebe...

Voll innern Jubels treib ich Wort auf Wort...

Siehe, auch ich, ich schien nur tot. Ich lebe!




Christian Morgenstern, 1871 - 1914




Foto copyright: Isabella Kramer


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Elfenlied

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Elfenlied

Bei Nacht im Dorf der Wächter rief: Elfe!
Ein ganz kleines Elfchen im Walde schlief
Wohl um die Elfe! -
Und meint, es rief ihm aus dem Tal
Bei seinem Namen die Nachtigall,
Oder Silpelit hätt' ihm gerufen.
Reibt sich der Elf die Augen aus,
Begibt sich vor sein Schneckenhaus,
Und ist als wie ein trunken Mann,
Sein Schläflein war nicht voll getan,
Und humpelt also tippe tapp
Durchs Haselholz ins Tal hinab
Schlupft an der Mauer hin so dicht,
Da sitzt der Glühwurm, Licht an Licht.
"Was sind das helle Fensterlein?
Da drin wird eine Hochzeit sein:
Die Kleinen sitzen beim Mahle,
Und treiben's in dem Saale.
Da guck ich wohl ein wenig 'nein!"
- Pfui, stößt den Kopf an harten Stein!
Elfe, gelt, du hast genug?
Gukuk! Gukuk!




Eduard Mörike, 1804 - 1875







Gemälde Copyright: Isabella Kramer 

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Bodensee

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Bodensee

Die Dörfer sind wie im Garten. 
In Türmen von seltsamen Arten
klingen die Glocken wie Weh. 
Uferschlösser warten 
und schauen durch schwarze Scharten
mild auf den Mittagsee.

Und schwellende Wellchen spielen,
und goldene Dampfer kielen
leise den lichten Lauf;
und hinter den Uferzielen
tauchen die vielen, vielen
Silberberge auf. 



Rainer Maria Rilke, 1875 - 1926




Photo Copyright: Isabella Kramer

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Ein weisses Kätzchen voller Schliche

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Ein weisses Kätzchen voller Schliche

Ein weisses Kätzchen voller Schliche, 
ging heimlich, weil es gerne schleckt,
des Abends in die Nachbarküche;
wo man es leider bald entdeckt.

Mit Besen und mit Feuerzangen
gejagt in alle Ecken ward's.
Es fuhr zuletzt voll Todesbangen
zum Schlot hinaus und wurde schwarz. 

Ja, siehst du wohl, mein liebes Herze?
Wer schlecken will, was ihm gefällt, 
der kommt nicht ohne Schmutz und Schwärze
hinaus aus dieser bösen Welt.



Wilhelm Busch, 1832 - 1908







Gemälde copyright: 
Isabella Kramer 


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Abendlied

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Abendlied

Eh' ich mich niederlege,
vom Tage mild gemacht,
schau ich noch einmal gerne
auf in die dunkle Nacht. 

Die Sterne ziehen stille
die ewigen Bahnen hin. 
Und nur der ewige Wille, 
der weiß um ihren Sinn.

Und rings das tiefe Scbweigen
gibt meinem Herzen Ruh.
Ich seh' den Mond auch steigen
und wink ihm freundlich zu. 

Und geh' in meine Kammer
und lösch die Kerze aus
und bin mit Mond und Sternen
im großen Vaterhaus.



Hermann Claudius, 1878 - 1980 Urenkel von Matthias Claudius




Foto von Chad Peltola auf Unsplash

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Stilles Haus


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Die Fenster glühten an dem stillen Haus,
der ganze Garten war voll Rosendüften.
Hoch spannte über weißen Wolkenklüften
der Abend in den unbewegten Lüften
die Schwingen aus.

Ein Glockenton ergoß sich auf die Au.
Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken,
Und heimlich über flüstervollen Birken
sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken
ins blasse Blau.


Rainer Maria Rilke,1875 - 1926





Gemälde copyright: Isabella Kramer 


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Niemand

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 Niemand

Kennt ihr wohl den Unfuggeist,
der mit Namen Niemand heißt?
Wohnt beinah in jedem Haus!
Fragt nur mal landein, landaus!
 
Wer hat Vaters Tisch bekleckst?
Mutters Fingerhut verhext?
Mutters Nadeln, Mutters Scheren?
Wer nahm von den Stachelbeeren?
Wer zerschnitt den neuen Ball?
Überall und überall
ist´s und war´s derselbe Fant!
Niemand, niemand, niemand!
 
Niemand hat das Garn verfitzt,
niemand hat die Wurst stibitzt,
niemand krachte mit der Tür!
Niemand kann etwas dafür,
daß der Garten offensteht;
 
niemand trat ins Nelkenbeet,
niemand aß vom Apfelbrei,
niemand riß das Buch entzwei,
niemand warf das Glas vom Tisch!
Wenn ich ihn einmal erwisch´!
 
Such´und hasch´ihn alle Tage!
Wenn ich Kinder nach ihm frage,
kommen sie in große Not,
werden feuer-, feuerrot;
doch es nennt ihn mir im Land
niemand, niemand, niemand!


Schanz, Frida, 1859 - 1944

 

 

 

Foto von Aedrian auf Unsplash .

 

In der Frühe

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In der Frühe

Goldstrahlen schießen übers Dach;
die Hähne krähn den Morgen wach. 
Nun einer hier, nun einer dort,
so kräht es nun von Ort zu Ort;
und in der Ferne stirbt der Klang.
Ich höre nichts, ich horche lang. 
Ihr wackern Hähne krähet doch!
Sie schlafen, schlafen immer noch.



Theodor Storm, 1817 - 1888





Photo copyright: Isabella Kramer


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Frühlingsbotschaft

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Frühlingsbotschaft

Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald:
Lasset uns singen,
Tanzen und springen!
Frühling, Frühling wird es nun bald.

Kuckuck, Kuckuck lässt nicht sein Schrei'n:
Kommt in die Felder,
Wiesen und Wälder!
Frühling, Frühling, stelle dich ein!

Kuckuck, Kuckuck, trefflicher Held!
Was du gesungen,
Ist dir gelungen:
Winter, Winter räumet das Feld.





Hoffmann von Fallersleben, 1798 - 1874



Photo copyright: Isabella Kramer


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Der Biene






Der Biene

summend brummend
tummel-glück
frühling ist zurückgekommen

und in jeder offenen blüte
wuseln, duseln ein zwei drei
bienchen emsig pollen sammelnd

mancher wird vor freude stammeln
freut sich riesig auf den honig
den die sammelei beschert

andere loben das bestäuben
bienchen du wirst hier verehrt
dich zu sehen uns entzückt 


summend brummend
tummel-glück



veredit©isabella.kramer25




Photo copyright: 
Isabella Kramer




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Die Mücke

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Die Mücke

Ein leisestes Gesurr. Auf meiner Hand
sinkt flügelschwirrend eine Mücke nieder,
ein Hauch von einem Leib, sechs zarte Glieder -
wo kam sie her aus winterlichem Land?

Ein Rüssel... Schlag' ich zu? Mißgönn' ich ihr
den Tropfen Blut, der solches Wesen nährt?
Den leichten Schmerz, den mir der Stich gewährt?
Sie handelt, wie sie muß. Bin ich ein Tier?

So stich nur zu, du kleine Flügeseele,
so lang mein Blutgefäß dich nähren mag, 
so lang du sorgst um deinen kurzen Tag!

Stich zu, dass es dir nicht an Kräften fehle!
Wir sind ja beide, Mensch und Mücke, nichts
als kleine Schatten eines großen Lichts. 


Albrecht Haushofer, 1903 - 1945


 


Foto von National Institute of Allergy and Infectious Diseases auf Unsplash

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Ein Z-Gedicht

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Ein Z-Gedicht 

 Zillie Zimmer ztaunt nicht zchlech'
als an diesem Zrühlingszmorgen
zwischen ihren Zähnen klemmt,
Zaugummi so fest wie Zech! 


Ach du, Zchreck, denkt sie voll Zorgen
hätte ich bloß gestern Zabend 
meine Zähne doch geputzt
und danach nichts mehr geznascht.
Zmutti sagt, dass das gut nutzt.


Zügig zaust sie in das Zad,
rasch die Zürste, Zahncreme drauf
und mit zanfter Zchwingbewegung
an den Zähnen runter, rauf.


Zorgsam zürstet sie die Zeste
zwischen ihren Zähnen weg.
Ztrahlend, zauber und 
ganz blitz-blank. 
Jetzt ist auch das Z-Stottern weg! 




veredit©isabella.kramer24





Gemälde Copyright: Isabella Kramer 


auch enthalten im neuen Gedichteband "Kinder-Gedichte-Welt" erhältlich über mich oder via blurb.de 



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Vorfrühling

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Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,
greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigen’s.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.


Rainer Maria Rilke, 1875 - 1926





Photo copyright: Isabella Kramer

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Nie bist du ohne Nebendir

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Nie bist du ohne Nebendir

Eine Wiese singt.
Dein Ohr klingt.
Eine Telefonstange rauscht.

Ob du im Bettchen liegst
Oder über Frankfurt fliegst,
Du bist überall gesehen und belauscht.

Gonokokken kieken.
Kleine Morcheln horcheln.
Poren sind nur Ohren.
Alle Bläschen blicken.

Was du verschweigst,
Was du andern nicht zeigst,
Was dein Mund spricht
Und deine Hand tut,

Es kommt alles ans Licht.
Sei ohnedies gut.

Joachim Ringelnatz





Photo copyright: Isabella Kramer

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Es pfeift der Wind...

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Es pfeift der Wind...

Es pfeift der Wind. Was pfeift er wohl?
Eine tolle, närrische Weise.
Er pfeift auf einem Schlüssel hohl,
bald gellend und bald leise.

Die Nacht weint ihm den Takt dazu
mit schweren Regentropfen,
die an der Fenster schwarze Ruh
ohn End eintönig klopfen.

Es pfeift der Wind. Es stöhnt und gellt.
Die Hunde heulen im Hofe. –
Er pfeift auf diese ganze Welt,
der große Philosophe.



Christian Morgenstern, 1871 - 1914




Photo copyright: Isabella Kramer

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Irrtum und abgeschrägter Zweck

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Ein Irrtum kreist auf einem dunkelroten Tellerrand
und eine Maus haut auf die Pauke mit 'nem Fisch.
Ein gelber Falter bastelt sich aus Gips ein Flaschenpfand
und grüne Angstimpulse lesen Zeitung unterm Tisch.

Das schert den Chef des Schokoladenaufwands wenig,
er trinkt und wirft sich knarrend ins geschnürte Meer.
Doch jenseits glänzt ganz erbsig klein der König,
der ohne Zähne in dem Erbsenbett – halt irgendwer.

Aus Turmalin gedrechselt tänzeln Banderolen,
umhäkeln ruckdizuck den ganzen Sermon innen weg.
Das Einbeinzebra hätt‘ den letzten Kranz gestohlen,
ist die Geduldsschlagzeile und ein abgeschrägter Zweck.






veredit©isabella.kramer2010




Illustration copyright: Isabella Kramer 

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