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Guano

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Guano


Ich weiß eine friedliche Stelle
Im schweigenden Ozean,
Kristallhell schäumet die Welle
Am Felsengestade hinan.
Im Hafen erblickst du kein Segel,
Keines Menschen Fußtritt am Strand;
Viel tausend reinliche Vögel
Hüten das einsame Land.

Sie sitzen in frommer Beschauung,
Kein einz'ger versäumt seine Pflicht,
Gesegnet ist ihre Verdauung
Und flüssig als wie ein Gedicht.
Die Vögel sind all' Philosophen,
Ihr oberster Grundsatz gebeut:
»Den Leib halt' allezeit offen
Und alles andre gedeiht.«

Was die Väter geräuschlos begonnen,
Die Enkel vollenden das Werk;
Geläutert von tropischen Sonnen,
Schon türmt es empor sich zum Berg.
Sie sehen im rosigsten Lichte
Die Zukunft und sprechen in Ruh':
»Wir bauen im Lauf der Geschichte
Noch den ganzen Ozean zu.«

Und die Anerkennung der Besten
Fehlt ihren Bestrebungen nicht,
Denn fern im schwäbischen Westen
Der Böblinger Repsbauer spricht:
»Gott segn' euch, ihr trefflichen Vögel,
An der fernen Guanoküst', –
Trotz meinem Landsmann, dem Hegel,
Schafft ihr den gediegensten Mist!«

Joseph Victor von Scheffel, 1826 - 1886



Foto von TC Photography auf Unsplash

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Herbst

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Herbst

September sitzt auf einer hohlen Weide,
Spritzt Seifenblasen in die laue Luft;
Die Sonne sinkt; aus brauner Heide
steigt Ambraduft

Als triebe Wind sie, ziehn die leichten Bälle
Im goldnen Schaum wie Segel von Opal,
Darüber schwebt in seidener Helle
Der Himmelssaal.

Auf fernen Tennen stampft der Erntereigen,
Im Takt der Drescher schwingt der starre Saum.
Handörgelein und Baß der Geigen
Summt süß im Raum.



Ricarda Huch, 1864 - 1947





Foto Copyright: Isabella Kramer


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Vormittag am Strand

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Es war ein solcher Vormittag
wo man die Fische singen hörte;
kein Lüftchen lief, kein Stimmchen störte, 
kein Wellchen wölbte sich zum Schlag. 

Nur sie, die Fische brachen leis
der weit und breiten Stille Siegel
und sangen millionenweis'
dicht unter dem durchsonnten Spiegel. 


Christian Morgenstern 




Photo Copyright: Isabella Kramer


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Wegwarte

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Wegwarte


Mit nackten Füßchen am Wegesrand,
die Augen still ins Weite gewandt
saht ihr bei Ginster und Heide
das Mädchen im blauen Kleide?

 „Das Glück kommt nicht in mein armes Haus,
drum stell' ich mich hier an den Weg heraus;
und kommt es zu Pferde, zu Fuße,
ich tret' ihm entgegen mit Gruße."

Es ziehen der Wanderer mancherlei
zu Pferd, zu Fuß, zu Wagen vorbei.
— „Habt ihr das Glück nicht gesehen?"
Die lassen sie lachend stehen.

Der Weg wird stille, der Weg wird leer.
„So kommt denn heute das Glück nicht mehr?"
Die Sonne geht rötlich nieder,
ihr starren im Wind die Glieder.

Der Regen klatscht ihr ins Angesicht,
sie steht noch immer, sie merkt es nicht:
— „Vielleicht ist es schon gekommen,
hat die andere Straße genommen."

Die Füßchen wurzeln am Boden ein,
zu Blumen wurde der Augen Schein.
Sie fühlt's und fühlt's wie im Traume,
sie wartet am Wegessaume.



Isolde Kurz, 1852 - 1944





Photo Copyright: Isabella Kramer



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Frohes Beginnen

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Frohes Beginnen

Des Spinnleins Netz im Stubeneck
reißt mit Gewalt der Sturmwind weg.
Wohl steht das Tierlein ganz entsetzt
vorm Kunstwerg, das nun so zerfetzt. 

Ameisenvölchen baut mit Fleiß
sich einen Staat. Da naht sich leis
verderbenbringende Gewalt,
zerstört den Bau. Allein alsbald
ist jedes Tierlein auf dem Plan
und fängt die Arbeit wieder an!
            
Was wir gespielt einst und gesungen,
ist lange ungehört verklungen.
Das macht uns keinen großen Schmerz.
Wir fassen uns vergnügt ein Herz
und fangen frisch von Neuem an!
Helf' jeder mit, so gut er kann! 


Friedel Rüdinger



Photo Copyright: Isabella Kramer


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Wasser

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Wasser


Doch nun will ich dienen der Menschenhand,

In der Thäler sanftes, grünes Gewand

Will ich den silbernen Gürtel weben,

Will die frommen, hellen,

Plaudernden Wellen

Ruhig schlängelnd durch Gärten gießen,

Will schwatzend an Blumen vorüberfließen;

Der Hirsch, das Reh

Sollen aus meinen Fluten trinken

Und in holdem Weh,

Wenn die Sterne blinken,

Mag eine Jungfrau, die einsam wacht

In lauer Sommernacht,

Meinem Rauschen

Lauschen.




Friedrich Theodor von Vischer, 1807 - 1887



Photo copyright: Isabella Kramer

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