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Stilles Haus


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xxx


Die Fenster glühten an dem stillen Haus,
der ganze Garten war voll Rosendüften.
Hoch spannte über weißen Wolkenklüften
der Abend in den unbewegten Lüften
die Schwingen aus.

Ein Glockenton ergoß sich auf die Au.
Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken,
Und heimlich über flüstervollen Birken
sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken
ins blasse Blau.


Rainer Maria Rilke,1875 - 1926





Gemälde copyright: Isabella Kramer 


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Ein Lied hinter dem Ofen zu singen

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Ein Lied
hinterm Ofen zu singen.

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Und scheut nicht Süß noch Sauer.

War je ein Mann gesund, ist er’s;
Er krankt und kränkelt nimmer,
Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs,
Und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an,
Und läßt’s vorher nicht wärmen;
Und spottet über Fluß im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
Und alle warme Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn’s Holz im Ofen knittert,
Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht,
Und Teich’ und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
Denn will er sich todt lachen. –

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
Beym Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.


Matthias Claudius, Erstdruck 1782 



Gemälde Copyright: 
Isabella Kramer 


Bitte beachten Sie das Urheberrecht: Copyright Texte, Fotos und Grafiken = Isabella Kramer, veredit – wenn nicht anders erwähnt. Auch für private Homepages dürfen diese Texte, Fotos und Grafiken nicht ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis verwendet werden! Wenn Sie meine Gedichte oder Bilder verwenden wollen, fragen Sie mich bitte. 
Kontakt über E-Mail: vere_dit@yahoo.de

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Ein alter Frosch erinnert sich

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Ein alter Frosch erinnert sich


wie stets in hellen Juninächten
Ridibundus beginnt zu plaudern.
Erzählt von unbekannten Mächten,
läßt seine Kinder, Enkel schaudern,
die dennoch stets auf's neue fordern:
"Großvater, bitte noch einmal!" 
Kennt' der doch tausende Geschichten,
die toller werden von Mal zu Mal. 

Die Fröschlein also zapplig quaken:
"Erzähl uns bitte die vom Brunnen,
in den du bist auf deiner Flucht
vor Meister Adebar gesprungen.
Wir wollen nicht mehr länger warten!"

Und selbst die alten Weiden halten
den Wind in ihren Zweigen an,
so dass Ribundubus hebt seine Stimme: 
"Nun gut, ein Sommer war's, als es begann. 
Der Teich war nett, schön grün, gemütlich.
Doch ich war jung und wollte mehr. 
Ich wollte sehen, wie es denn wäre,
als kleiner Frosch am großen Meer.

So tat ich meinen ersten Sprung,
da wär's schon fast um mich geschehen!
Hatte ich doch nicht rechts, nicht links, 
mich vorher auch nur umgesehen. 
Da stand er, schrecklich riesengroß, 
sein Schnabel spitz und leuchtend rot.
Storch Adebar, der Erzfeind, war es.
Ich dachte, so, jetzt bist du tot! 

Doch halfen ohne langes Denken
vier, fünf von unseren Riesensprüngen
weit außer seiner Sicht zu landen
und mich in Sicherheit zu bringen. 
So weit war ich noch nie gesprungen
und meine Flucht, die war geglückt.
Ich landete in einem Brunnen, 
ein ausgesprochen schönes Stück.

Das Terrain war mir unbekannt,
doch schien es ganz entzückend hier. 
Der Brunnen winzig, klein und blau,
doch plätscherte er recht charmant. 
Aus kleinen Schälchen fiel das Wasser
stets noch in eine Untere. Ich fand's 
gemütlich, still, erholsam, ganz anders
als das muntere Gequake daheim in 
unserem Heimatteich. Folglich beschloss
ich hier zu bleiben, der Brunnen wurd'
mein Königreich." 






Der Sommer kam,  die Lust aufs Meer,
sie war verflogen. Ein Tag war schöner
als der andere, mein Brunnen war das 
große Los, was unerwartet ich gezogen. 
Warum sollte ich weiterreisen, hier war ich König
und sonst keiner. Die Tage zogen sacht dahin,
unmerklich wurd' der Sommer kleiner. 

Dann war er da, der Herbstwind brauste
und in den Nächten wurd' es kalt.
Ich suchte rum, jedoch im Brunnen,
da gab es nicht mal einen Spalt, der für
ein Winterschläfchen wichtig. Es zog
mich heimwärts und zwar richtig! 

Der Heimweg, er war schnell gefunden,
Familie, Freunde, alle da! Sofort schwamm
ich zehn große Runden, ich war daheim, 
so ganz und gar. Was war das
für ein Freudequaken von Groß und Klein
im Heimatteich, viel mehr wert
als das allerschönste höchsteigene
Brunnenkönigreich." 



veredit©isabella.kramer24 



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Photos copyright: Isabella Kramer


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Am See

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Am See


Heute ist das Wasser warm,

Heute kann's nicht schaden.

Schnell hinunter an den See!

Heute geh'n wir baden.

1, 2, 3, die Hosen aus,

Schuhe, Rock und Wäsche,

und dann, plumps ins Wasser rein,

gerade wie die Frösche.

Und der schönste Sonnenschein

brennt uns nach dem Bade

Brust und Buckel knusperbraun,

braun wie Schokolade.



Adolf Holst, 1867 - 1945 




Gemälde copyright: 
Isabella Kramer 


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Der Reiter und der Bodensee

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Der Reiter und der Bodensee


Der Reiter reitet durch’s helle Tal,
Auf’s Schneefeld schimmert der Sonne Strahl.

Er treibet im Schweiß durch den kalten Schnee, –
Will heut noch erreichen den Bodensee;

Noch heut mit dem Pferd’ in den sichern Kahn
Will drüben noch landen vor Nacht er an.

Auf schlimmem Weg, über Dorn und Stein,
Er braust auf rüstigem Roß feldein.

Aus den Bergen heraus, in’s ebene Land,
Weit sieht er sich dehnen das Schneegewand.

Weit hinter ihm schwindet so Dorf wie Stadt,
Der Weg wird eben, die Bahn wird glatt.

In weiter Fläche kein Bühl, kein Haus,
Die Bäume gingen, die Felsen aus;

So flieget er hin eine Meil’ und zwei,
Er hört in den Lüften der Schneegans Schrei;

Es flattert das Wasserhuhn empor,
Nicht andere Laute vernimmt sein Ohr;

Keinen Wandersmann sein Auge schaut,
Der ihm den rechten Pfad vertraut.

Fort geht’s wie auf Samt, auf dem weichen Schnee;
Wann rauscht denn das Wasser? wann glänzt der See?

Da bricht der Abend, der frühe herein,
Von Lichtern blinket ein ferner Schein.

Es hebt aus dem Nebel sich Baum an Baum,
Und Hügel schließen den weiten Raum.

Er spürt auf dem Boden Stein und Dorn,
Dem Rosse giebt er den scharfen Sporn.

Die Hunde bellen empor am Pferd,
Und es winkt im Dorf ihm der warme Herd.

„Willkommen am Fenster, Mägdelein,
An den See, an den See, – wie weit mag’s sein?“

Die Maid, sie staunet den Reiter an:
„Der See liegt hinter dir und der Kahn.

Und deckt ihn die Rinde von Eis nicht zu,
Ich spräch’, aus dem Nachen stiegest du.“

Der Fremde schaudert, er atmet schwer:
„Dort hinten die Eb’ne, die ritt ich her!“

Da recket die Magd die Arm in die Höh’:
„Herr Gott! so rittest du über den See!“

„An den Schlund, an die Tiefe bodenlos
Hat gepocht des rasenden Hufes Stoß!“

„Und unter dir zürnten die Wasser nicht?
Nicht krachte hinunter die Rinde dicht?“

„Du wardst nicht die Speise der stummen Brut?
Der hungrigen Hecht’ in der kalten Flut?“ –

Sie rufet das Dorf herbei zu der Mähr,
Es stellen die Knaben sich um ihn her;

Die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:
„Glückseliger Mann, ja, segne du dich!“

„Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,
Brich mit uns das Brot und iss vom Fisch!“

Der Reiter erstarret auf seinem Pferd,
Er hat nur das erste Wort gehört.

Es stocket sein Herz, es sträubt sich sein Haar,
Dicht hinter ihm grinset noch die Gefahr.

Es sieht sein Blick nur den grässlichen Schlund,
Im Geist versinkt er im schwarzen Grund.

Im Ohr ihm donnerts, wie krachend Eis,
Wie die Well’ umrieselt ihn kalter Schweiß.

Da seufzt er, da sinkt er vom Roß herab,
Da ward ihm am Ufer ein – trocken Grab.


Gustav Schwab, 1792 - 1850




Foto von Nick Iliasov auf Unsplash


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Leben auf Zeit



 


Leben auf Zeit 

und Träume von schneeigen Bergen
von saftigen Wiesen im Sonnenlicht
lustigen Feen und witzigen Zwergen
alles ist möglich unmöglich gibt es nicht

abends les ich dir Märchen von Riesen
die einfach so was von niedlich sind
tagsüber steigen wir hoch in die Wolken
fühlen uns winzig und glücklich
und sind...

irgendwie unsichtbar 
nur für einander zu sehen 
Leben auf Zeit 
zwischen schillernden Seen
und schneeigen Bergen
ist ohne jede Frage
so was von schön 


veredit©isabella.kramer22

auch enthalten im neuen Gedichteband "Kinder-Gedichte-Welt" erhältlich über mich oder via blurb.de 



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Gemälde copyright: Isabella Kramer 





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Das Schilf

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Das Schilf

Stille, er schläft, stille! stille!
Libelle, reg die Schwingen sacht,
Daß nicht das Goldgewebe schrille,
Und, Ufergrün, halt gute Wacht,
Kein Kieselchen laß niederfallen.
Er schläft auf seinem Wolkenflaum,
Und über ihn läßt säuselnd wallen
Das Laubgewölb' der alte Baum;
Hoch oben, wo die Sonne glüht,
Wieget der Vogel seine Flügel,
Und wie ein schlüpfend Fischlein zieht
Sein Schatten durch des Teiches Spiegel.
Stille, stille! er hat sich geregt,
Ein fallend Reis hat ihn bewegt,
Das grad zum Nest der Hänfling trug;
Su, Su! breit, Ast, dein grünes Tuch –
Su, Su! nun schläft er fest genug.



Annette von Droste-Hülshoff, 1797 - 1848



Photo copyright: Isabella Kramer

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Der Hecht

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Der Hecht

Ein Hecht, vom heiligen Antōn
bekehrt, beschloß, samt Frau und Sohn,
am vegetarischen Gedanken
moralisch sich emporzuranken.

Er aß seit jenem nur noch dies:
Seegras, Seerose und Seegries.
Doch Gries, Gras, Rose floß, o Graus,
entsetzlich wieder hinten aus.

Der ganze Teich ward angesteckt.
Fünfhundert Fische sind verreckt.
Doch Sankt Antōn, gerufen eilig,
sprach nichts als: Heilig! heilig! heilig!



Christian Morgenstern, 1871 - 1914




Photo copyright: Isabella Kramer



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Mondaufgang

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Mondaufgang

In den Wipfeln des Walds,
die starr und schwarz
in den fahlen Dämmerhimmel
gespenstern,
hängt eine große,
glänzende Seifenblase.

Langsam löst sie sich
aus dem Geäst
und schwebt hinauf
in den Äther.

Unten im Dickicht
liegt Pan,
im Munde
ein langes Schilfrohr,
dran noch der Schaum
des nahen Teiches
verkrustet schillert.

Blasen blies er,
der heitere Gott:
die meisten aber
plantzten ihm tückisch.

Nur eine
hielt sich tapfer
und flog hinaus
aus den Kronen.

Da treibt sie schimmernd,
vom Winde getragen,
über die Lande.
Immer höher steigt
die zerbrechliche Kugel.

Pan aber blickt
mit klopfendem Herzen –
verhaltenen Atems –
ihr nach. 


Christian Morgenstern, 1871 - 1914




Photo copyright: 
Isabella Kramer

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Lilofee

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Lilofee

  
Es freit ein wilder Wassermann
In der Burg wohl über dem See.
Des Königs Tochter mußt er han,
Die schöne junge Lilofee.

Sie hörte drunten Glocken gehn
Im tiefen, tiefen See.
Wollt' Vater und Mutter wiedersehn,
Die schöne junge Lilofee.

Und als sie vor dem Tore stand,
Vor der Burg wohl über dem See,
Da neigt sich Laub und grünes Gras
Vor der schönen jungen Lilofee.

Und als sie aus der Kirche kam
Von der Burg wohl über dem See,
Da stand der wilde Wassermann
Vor der schönen jungen Lilofee.

"Sprich, willst du hinuntergehn mit mir
Von der Burg wohl über dem See?
Deine Kindlein unten weinen nach dir,
Du schöne junge Lilofee.

"Und eh ich die Kindlein weinen laß
Im tiefen, tiefen See,
Scheid ich von Laub und grünem Gras,
Ich arme junge Lilofee."
  


Volkslied - aus der Gegend von Joachimsthal 1813



Photo copyright: Isabella Kramer

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Das Rosen-Innere

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Das Rosen-Innere

Wo ist zu diesem Innen
ein Außen? Auf welches Weh
legt man solches Linnen ?
Welche Himmel spiegeln sich drinnen
in dem Binnensee
dieser offenen Rosen,
dieser sorglosen, sieh:
wie sie lose im Losen
liegen, als könnte nie
eine zitternde Hand sie verschütten.
Sie können sich selber kaum
halten; viele ließen
sich überfüllen und fließen
über von Innenraum
in die Tage, die immer
voller und voller sich schließen,
bis der ganze Sommer ein Zimmer
wird, ein Zimmer in einem Traum.



Rainer Maria Rilke, 2.8.1907, Paris




Photo copyright: Isabella Kramer


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Eisnacht

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Eisnacht

Wie in Seide ein Königskind
schläft die Erde in lauter Schnee,
blauer Mondscheinzauber spinnt
schimmernd über der See.


Aus den Wassern der Raureif steigt,
Büsche und Bäume atmen kaum:
durch die Nacht, die erschauernd schweigt,
schreitet ein glitzernder Traum.


Clara Müller-Jahnke, 1860 - 1905



Photo by Federico Bottos on Unsplash

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Schwanenspur

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Schwanenspur

Fliehendes Jahr, in duftigen Schleiern
Streifend an abendrötlichen Weihern
Wallest du deine Bahn;
Siehst mich am kühlen Waldsee stehen,
Wo an herbstlichen Uferhöhen
Zieht entlang ein stummer Schwan.

Still und einsam schwingt er die Flügel
Tauchet in den Wasserspiegel,
Hebt den Hals empor und lauscht;
Taucht zum andern Male nieder,
Richtet sich auf und lauschet wieder,
Wie's im flüsternden Schilfe rauscht.

Und in seinem Tun und Lassen
Will's mich wie ein Traum erfassen,
Als ob's meine Seele wär:,
Die verwundert über das Leben,
Über das Hin- und Widerschweben, 
Lugt' und lauschte hin und her.

Atme nur in vollen Zügen
Dieses friedliche Genügen
Einsam auf der stillen Flur!
Und hast du dich klar empfunden,
Mögen enden deine Stunden,
Wie zerfließt die Schwanenspur!




Gottfried Keller




Photo copyright: Isabella Kramer

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Rolands Horn

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Rolands Horn

Der König Karl beim Jubelmahl,
hoch schwang in der Hand er den goldnen Pokal:
"Lang lebe der Sieger, der heut noch fern,
Roland, mein Roland, der Streiter des Herrn!"
Da – bei der Becher Zusammenstoß,
wie Schatten sich's über die Wände goß
und als das jauchzende Hoch verscholl,
ein Dämmern über die Erde schwoll,
und weit, weit her es traurig hallt'
hinklagend über See und Wald…

Und als sie drängten zur Tür mit Macht,
da wuchs das Dunkel zur finstern Nacht,
und angstvoll durch die Luft herbei
rang sich's wie wilder Todesschrei…
Und als sie sich wandten entsetzt zum Thron,
da stöhnte zum drittenmal her ein Ton,
da zittert' es über Wald und See
wie aus verröchelnder Brust ein Weh…
Doch als der König sich bleich erhob,
blaß wieder ein Dämmern die Halle durchwob.

Und als er rief: "Verrat! Zu Roß!"
Weiß wieder der Tag die Halle durchfloß.
Wohl jagten sie windschnell querfeldein,
rastlos bei Sonnen- und Sternenschein
hin bis zum Morgen nach Ronceval –
da kreischten die Krähen schon über dem Tal,
da lagen die Helden, die Wunden vorn,
und stumm er, Roland, zerborsten sein Horn.


Ferdinand Ernst Albert Avenarius, 1856 - 1923



Photo by Nirzar Pangarkar on Unsplash


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Das ist die Nacht

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Das ist die Nacht

Am graubedeckten Horizont erhebt
Sich rot der Mond, vom Nebeltanz getragen.
Das Feld schläft dampfend ein, die Frösche klagen
Im grünen Schilf, durch das ein Frösteln bebt.

Den Kelch verschliesst die Wasserblume wieder,
Starr und gedrängt in weiter Ferne reihn
Sich Pappeln auf in ungewissem Schein,
Leuchtkäfer irren zu den Büschen nieder.

Der Eulen lautlos finstre Schar erwacht,
Die Luft mit schwerem Fluge zu durchsteuern,
Der Äther füllt sich mit gedämpften Feuern,
Venus taucht bleich hervor: das ist die Nacht.


Paul Verlaine, 1844 - 1896




Photo copyright: Isabella Kramer


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Ein Frosch ... zum Anderen

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Ein Frosch... zum Anderen 


Ein Frosch im Teiche sprach zum Andern:
" – Und ob wir bis zum Pole wandern,
Nein! so melodisch und voll Seele,
Wie Du, singt keine Philomele!" –

Lusttrunken rief das Fröschlein aus:
"Wem aber dank' ich den Applaus?
Brekex! Nur deinem Unterricht.
So klingt die Menschenflöte nicht.

Ich fühl' in meinem – Deinen Werth.
Du bist allein schon ein Concert;
Die ganze Teich-Akademie
Bewundert deine Melodie." –

Nicht anders loben lächerlich
Zwey Thoren in Journalen sich.

Friedrich Haug, 1761 - 1829




Gemälde copyright: Isabella Kramer 


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Die weiße Schlange

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Die weiße Schlange

Auf der Burg in reichgeschmückter Halle
Schweigsam brütend sitzt der greise Stojan,
Sitzt beim vollen Silberkrug und trinkt nicht,
Starrt empor zum Balkenwerk der Decke,
Das von güldnen Drachenköpfen funkelt;
Hell ins Fenster lacht die Spätherbstsonne,
Doch nicht mit ihr lacht die Seele Stojans;
Denn sie denkt Gedanken vorger Tage,
Denkt und sinnt, und weiß nicht froh zu werden.

Tritt zu ihm herein vom See der Fischer,
Neigt sich dreimal tief und spricht die Worte:
»Grüß dich Gott, Herr Stojan, mein Gebieter!
Heute nacht im See die Netze warf ich,
Doch nicht Aale fing ich drin, noch Karpfen,
Noch die Brut des blaugefloßten Hechtes,
Fing statt ihrer eine weiße Schlange,
Weiß am Kopf und Rücken, rot am Bauche.

Wer von solcher weißen Schlange isset,
Der vernimmt es, was die Tiere sprechen,
Auf dem Feld das Wild, im Laub die Vögel.
Auch der Wipfel Rede mag er deuten,
Wenn sie flüstern mit den grünen Zungen,
Und des Bachs Geschwätz, der Winde Sausen.
Gibst du dreißig Goldstück mir, Herr Stojan,
Will ich dir die weiße Schlange lassen.«

Dreißig Goldstück gibt der Greis dem Fischer,
Schickt ihn heim und ruft den Koch zur Stelle,
Daß er ihm die Schlange zubereite;
Spricht dann zu sich selbst, und pfeift dazwischen:
Mag hinfort mich die Woiwodschaft meiden,
Die mir nicht zum Schmause kommt um Ostern
Noch zum Zechgelag am Neujahrsabend;
Fortan lach ich ihres Außenbleibens.
Reden werd ich mit den Tieren draußen,
Daß sie die Gedanken mir verscheuchen
Und die Träume, die ich träum im Wachen.

Als die Mittagstunde nun geschlagen,
Bringt der Koch die Schlange wohlbereitet,
Grünumkränzt auf goldgediegner Schüssel.
Munter setzt Herr Stojan sich zur Tafel,
Legt sich vor und ißt mit Wohlbehagen,
Ißt, und trinkt vom roten Wein dazwischen,
Bis die Schüssel auf den Grund geleert ist.
Drauf vom Sessel springt er auf die Füße,
Schnallt sich um den Säbel mit Smaragden,
Heißt den Knecht sein türkisch Rotroß satteln,
Schwingt sich auf und reitet aus dem Hofe.

Bald im dichten Walde trabt Herr Stojan,
Wo der Weg zum schwarzen See hinabführt,
Laublos schon am Wege stehn die Bäume;
In den Wipfeln hört er da ein Schallen,
Das von Ast zu Aste weiterflüstert,
Bang und traurig wie von Menschenstimmen,
Die ein dräuend Unheil sich verkünden.
Doch er achtet′s kaum und reitet weiter.

Als er nun den schwarzen See erreicht hat,
Flattern übers Wasser her zwei Raben,
Alte Vögel beide, breitgeflügelt,
Ruhn dann krächzend aus auf einer Fichte.
Wohl vernimmt Herr Stojan, was sie krächzen,
Hält sein Rotroß an und lauscht zur Kurzweil.
Spricht der erste Rabe da zum zweiten:
Bruder, sprich, woher hast du den Goldreif,
Den ich gestern sah in deinem Schnabel,
Fein und blank, mit sieben roten Steinen?

Wo nur hast du den gefunden? Sag mir′s!
Ihm erwidert drauf der andre Vogel:
Märlein will ich dir erzählen, Bruder,
Von dem Goldreif wunderliche Märlein.
Sind nun siebenundzwanzig Jahr und länger,
Daß ein Mägdlein hier im Walde wohnte,
Weiß und rot, mit langen schwarzen Zöpfen.
Trug sie nur ein Hemd von grobem Linnen,
Nur Sandalen an den weißen Füßen,
Trug sie doch ein Antlitz wie die Blumen.

Heller schien die Sonne, wenn sie lachte,
Wenn sie sang, so stand das Bächlein stille,
Grüner ward der Rasen, drauf sie tanzte.
Sieh, da kam des Wegs ein Herr geritten,
Reiherfedern an der Zobelmütze,
Gold sein Zaum, sein Säbel mit Smaragden.
Einmal kam er erst, dann kam er vielmals,
Sprach ihr zu und schwur ihr hundert Schwüre,
Steckt′ ihr an den Finger einen Goldreif

Fein und blank, mit sieben roten Steinen,
Daß sie seinen Schwüren glauben möchte;
Und sie glaubt′ und ließ von ihm sich küssen.
Lieblich däucht′ es ihr den langen Sommer.
Aber als im Herbst die Vögel zogen,
Fernhinzogen und nicht wiederkamen,
Kam auch er nicht wieder gleich den Vögeln;
Wo er blieb, das mag die Sonne wissen.
Doch jedweden Abend kam das Mägdlein,
Saß am See und weinte heiße Tränen,
Weint′ hernieder auf den Schnee im Winter,
Und im Frühjahr auf die blauen Veilchen.

Aber in der Nacht der Frühlingsgleiche
Schrie sie laut empor vor großer Trübsal,
Sprang hinunter dann ins schwarze Wasser.
Keiner hat sie wieder je gesehen;
Nur den Goldreif warf der See ans Ufer.
So zum einen Raben spricht der andre,

Doch Herrn Stojan dünkt es üble Kurzweil;
Dröhnend schlägt das Herz ihm wie ein Hammer.
Seinem Rotroß schlägt er ein die Sporen,
Daß es stöhnt und jählings drauf dahinschießt
Kreuz und quer, von keinem Pfad geleitet.
Aber endlich keuchend hält er stille,
Hält an einer Hütt, und will nicht weiter.

Tief im finstern Walde liegt die Hütte,
Hat nicht Fenster mehr, noch Tür und Angel;
Hohes Unkraut wuchert auf der Schwelle.
Sitzen auf dem Dach zwei wilde Tauben,
Blau und weiß, ein Männlein und ein Weibchen,
Gurren laut, und wohl vernimmt′s Herr Stojan.

Fragt die wilde Taube da den Tauber:
Männlein sprich, was ist′s mit dieser Hütte,
Daß darinnen keine Menschen hausen,
Wie in allen Hütten sonst im Forste?
Warum steht sie gar so öde! Sag mir′s!

Ihr erwidert drauf der wilde Tauber:
Märlein sollst du hören, du mein Weibchen;
Nicht zu jeder Zeit war′s hier so einsam.
Wohnte vormals in der Hütt ein Köhler,
Alt von Jahren, schwarz, mit weißem Barte;
Wohnte mit ihm drin ein junger Knabe,
Sah nicht aus wie Köhlerbuben aussehn,
Hieß er so, doch war er′s nicht in Wahrheit,

Denn am See einst fand das Kind der Alte
Morgens nach der Nacht der Frühlingsgleiche,
Nahm′s und pflegt′ es groß an Sohnes Stelle.
Stark und schön erwuchs der Knab im Walde,
Goldne Locken sproßten ihm am Haupte,
Schwarze Brauen über schwarzen Augen.

Doch am Meiler mocht er nimmer stehen,
Noch die Kohlen schüren mit dem Schürbaum,
Schnitzte lieber Bogen sich und Pfeile,
Scharfe Pfeile, die das Wild erlegen,
Oder zog sich Falken auf zur Beize.
Täglich ging er dann hinaus zu jagen,
Kehrte heim zu Nacht mit reicher Beute,

Und der Köhler freute sich des Mahles.
Aber einst am Tag der Sonnenwende -
Sieben Jahre sind es nun und länger -
Ging er auch zu Wald, und kam nicht wieder,
Kam auch nicht am andern Tag, noch später,
Daß der Alte drob zu Tod sich härmte.
Wo er blieb, das mag die Sonne wissen.

So zur wilden Taube spricht der Tauber;
Doch Herr Stojan hört es mit Entsetzen,
Kalter Angstschweiß perlt ihm von der Stirne,
Und zu Eis gefriert sein Herz im Leibe.
Plötzlich wirft er dann herum sein Rotroß,
Jagt nach Hause fort durch Dorn und Dickicht,
Jagt in Hast, als ob der Tod ihn hetze.
Scharf ins Antlitz schlagen ihm die Äste,
Zornig pfeift der Wind aus Hagelwolken,
Doch er merkt es kaum und fleucht von dannen.

Als er nun das Tor der Burg erreicht hat,
Sporenklirrend eilt er in die Halle,
Heißt im Steinkamin ein Feuer zünden,
Hoch aus Fichtenholz ein großes Feuer,
Daß er sich sein frierend Herz erwärme,
Wirft sich lechzend dann in seinen Sessel.
Bald im Steinkamine brennt das Feuer.

Brütend ins Geloder starrt Herr Stojan;
Aber wie er starrt, da saust es drinnen,
Saust und prasselt um die harzgen Scheite;
Sieh, und plötzlich reckt sich hoch die Flamme,
Blitzt ihn an und spricht mit roten Zungen:
Märlein künden will ich dir, Herr Stojan,

Dunkle Märlein von vergangnen Tagen.
War ich einst ein Fichtenbaum im Walde,
Streckte tief ins Erdreich meine Wurzeln,
Meinen Wipfel in des Himmels Bläue.
Wohl gedenk ich noch der alten Zeiten,
Doch zumeist des Tags der Sonnenwende,

Sieben Jahre sind es nun und länger.
Saß ein Knabe da in meinem Schatten,
Goldnen Haars, mit schwarzen Augenbrauen,
Trug auf seiner Faust den schönsten Falken,

Spielt′ und koste mit dem klugen Vogel.
Zu der Stunde kamst auch du, Herr Stojan,
Kamst vom Weidwerk durch den Busch geschritten,
Sahst den Falken an, und er gefiel dir,
Daß du trutzig ihn vom Knaben heischtest.

Aber dieser wollt ihn nimmer lassen,
Faßt′ ihn fest und lachte, da d drohtest,
Lachte, wie du selber pflegst zu lachen.
Da ergrimmte dir die finstre Seele,
Zogst ein spitzes Messer aus dem Gürtel,

Stießest ihm ins Herz das spitze Messer,
Wandtest dich und flohst mit roten Händen;
Kreischend hub der Falk sich in die Lüfte.
Doch im Moos verscheidend lag der Knabe;
Langsam aus der Wunde troff sein Herzblut,

Troff in Strömen über meine Wurzeln,
Troff hinunter in die schwarze Erde.
Sieh, da schauderte die schwarze Erde,
Zuckte wie im Krampf und schrie zur Sonne:
Weh, von welchem Blut hab ich getrunken!
Blut, verströmt in unerhörtem Greuel,
Kindesblut von Vaterhand vergossen!

Also saust im Steinkamin die Flamme.
Da vom Sessel fluchend springt Herr Stojan,
Reißt den krummen Säbel aus der Scheide,
Haut in blinder Wut damit ins Feuer,
Daß die Brände durch die Halle spritzen,
Taumelt dann und stürzt erschöpft zu Boden.

Aber leise züngelt′s aus den Bränden,
Schießt wie rote Schlänglein hin und wieder,
Leckt und klimmt empor am Wandgetäfel,
Klimmt empor ins Balkenwerk der Decke.
Doch urplötzlich droben wächst die Lohe
Wie ein Riesenfächer, der sich aufschlägt,
Bricht zugleich durch Fenster, Pfort und Gitter,
Wirbelt aus dem Dach als Feuersäule,
Wirbelt hoch hinauf zum dunkeln Himmel,
Und in Flammen kracht die Burg zusammen.

Liegt nun tief im Wald ein Trümmerhaufen,
Hochgetürmter Schutt, verkohlte Balken:
Jagt kein Jäger dort und treibt kein Hirte,
Singt kein Vogel auch an jener Stätte,
Und kein Tau benetzt umher das Erdreich.
Denn verflucht sind die geschwärzten Steine;
Drunter liegen die Gebeine Stojans,
Stojans, der den eignen Sohn erschlagen.


Emanuel Geibel * 17.10.1815, † 06.04.1884




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Die Weiden

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Die Weiden

Still ein See. Und rings in tiefen Träumen
Eine Wacht von jungen Weidenbäumen.

"Wachset," ruft der Wind, "ihr jungen Recken,
Wär' ich jung wie ihr, ich würd' mich strecken!"

Höhnt der Sturm: "Ich wach', ihr Kümmerlinge,
Daß kein Baum bis in den Himmel dringe.

Wachst nur, wachst! Laßt junge Zweige treiben!
Werdet immer - kleine Weiden bleiben!"

Und die Weiden wuchsen, still bescheiden,
Und sie wurden mählich alte Weiden .....

Aber eine war, die sich empörte,
Da sie rauh des Sturmes Höhnen hörte.

Und sie bebte in geheimem Sehnen,
Bis zum Himmel ihren Stamm zu dehnen.

Aber ach, was auch die Jahre gingen,
Glückt' ihr's nicht, sich in die Höh' zu bringen.

Traurig war sie, ihre Äste reckend
Und sie weit bis übers Wasser streckend.

Da geschah es, daß sie in dem blauen,
Dunklen See den Himmel konnt' erschauen.

Und sie rief: "Ich brauch' zu meinem Glücke
Nichts, als daß ich mich hernieder bücke!"

Und sie beugte sich und jauchzt: "Ihr Brüder,
Seht, ich wachse in den Himmel nieder!"

Hugo Salus, 1866 - 1929




Foto copyright: Isabella Kramer
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Des Narren Regenlied

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Des Regen Narrenlied

Regenöde, regenöde
Himmel, Land und See;
Alle Lust ist Last geworden,
Und das Herz tut weh.

Graugespinstig hält ein Nebel
Alles Sein in Haft,
Weher Mut weint in die Weiten,
Krank ist jede Kraft.

Die Prinzessin sitzt im Turme;
Ihre Harfe klingt,
Und ich hör, wie ihre Seele
Müde Sehnsucht singt.

Regenöde, regenöde
Himmel, Land und See;
Alle Lust ist Last geworden,
Und das Herz tut weh.




Otto Julius Bierbaum, 1865-1910



Photo copyright: Isabella Kramer
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Juli

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Juli

Brütend über Ährenfeldern
Liegt der Sonne goldner Glast,
Und am kühlen Weiher träumend
Hält die sieb'nte Schwester Rast.

Sinnend blicken ihre Augen
In die unbewegte Flut,
Mit dem Fächer kühlt sie leise
Ihrer Wangen heiße Glut.

Leer sind ihre schlanken Hände,
All ihr Reichtum ausgestreut,
Und sie harrt des Erntesegens,
Den das Jahr der Menschheit beut.

Auf den Wiesen klingt die Sichel,
Aller Blumen Pracht vergeht,
Wenn Natur mit ihren Früchten
Auf dem Höhepunkte steht.

Ruhvoll reift das Gold der Felder,
Mutter Erdes größter Schatz;
Und der Juli macht der Schwester
Mit der blanken Sichel Platz.



Helene Krüger, 1861 - 1941



Photo copyright: Isabella Kramer
 
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