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Nie bist du ohne Nebendir

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Nie bist du ohne Nebendir

Eine Wiese singt.
Dein Ohr klingt.
Eine Telefonstange rauscht.

Ob du im Bettchen liegst
Oder über Frankfurt fliegst,
Du bist überall gesehen und belauscht.

Gonokokken kieken.
Kleine Morcheln horcheln.
Poren sind nur Ohren.
Alle Bläschen blicken.

Was du verschweigst,
Was du andern nicht zeigst,
Was dein Mund spricht
Und deine Hand tut,

Es kommt alles ans Licht.
Sei ohnedies gut.

Joachim Ringelnatz





Photo copyright: Isabella Kramer

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Es pfeift der Wind...

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Es pfeift der Wind...

Es pfeift der Wind. Was pfeift er wohl?
Eine tolle, närrische Weise.
Er pfeift auf einem Schlüssel hohl,
bald gellend und bald leise.

Die Nacht weint ihm den Takt dazu
mit schweren Regentropfen,
die an der Fenster schwarze Ruh
ohn End eintönig klopfen.

Es pfeift der Wind. Es stöhnt und gellt.
Die Hunde heulen im Hofe. –
Er pfeift auf diese ganze Welt,
der große Philosophe.



Christian Morgenstern, 1871 - 1914




Photo copyright: Isabella Kramer

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Irrtum und abgeschrägter Zweck

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Ein Irrtum kreist auf einem dunkelroten Tellerrand
und eine Maus haut auf die Pauke mit 'nem Fisch.
Ein gelber Falter bastelt sich aus Gips ein Flaschenpfand
und grüne Angstimpulse lesen Zeitung unterm Tisch.

Das schert den Chef des Schokoladenaufwands wenig,
er trinkt und wirft sich knarrend ins geschnürte Meer.
Doch jenseits glänzt ganz erbsig klein der König,
der ohne Zähne in dem Erbsenbett – halt irgendwer.

Aus Turmalin gedrechselt tänzeln Banderolen,
umhäkeln ruckdizuck den ganzen Sermon innen weg.
Das Einbeinzebra hätt‘ den letzten Kranz gestohlen,
ist die Geduldsschlagzeile und ein abgeschrägter Zweck.






veredit©isabella.kramer2010




Illustration copyright: Isabella Kramer 

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Gänsegespräch

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Gänsegespräch


Zur weißen Gans sprach einst vertraulich eine graue:
"Laß uns spazieren gehn nach jener grünen Aue;
Dort tun wir beide uns im jungen Grase gütlich,
Denn in Gesellschaft gackt es sich doch gar gemütlich."
"Nein", sprach die weiße Gans, "da muß ich refüsieren,
Mit meinesgleichen nur geh' ich am Tag spazieren,
Vertraulichkeit mit dir gereichte nur zur Schande,
Zwar bin ich eine Gans, doch eine Gans von Stande."



Julius Sturm, 1816 - 1896





Illustration copyright: Isabella Kramer 


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Prager Heilige

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Prager Heilige

Große Heilige und kleine
feiert jegliche Gemeine,
hölzern und von Steine feine,
große Heilige und kleine.

Heilige Annen und Kathrinen,
die im Traum erschienen ihnen,
baun sie sich und dienen ihnen,
heilige Annen und Kathrinen. 

Wenzel laß ich auch noch gelten,
weil sie selten ihn bestellten,
denn zu viele gelten selten,
nun, Sankt Wenzel lass' ich gelten.

Aber diese Nepomuken!
Von des Torgangs Luken gucken
und auf allen Brucken spucken
lauter, lauter Nepomuken. 


Rainer Maria Rilke, 1875 - 1926







Gemälde Copyright: 
Isabella Kramer 


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Kontakt über E-Mail: vere_dit@yahoo.de


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Nach Norden

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Nach Norden

Palmström ist nervös geworden;
darum schläft er jetzt nach Norden.

Denn nach Osten, Westen, Süden
schlafen, heißt das Herz ermüden.

(Wenn man nämlich in Europen
lebt, nicht südlich in den Tropen.)

Solches steht bei zwei Gelehrten,
die auch Dickens schon bekehrten –

und erklärt sich aus dem steten
Magnetismus des Planeten.

Palmström also heilt sich örtlich,
nimmt sein Bett und stellt es nördlich.

Und im Traum, in einigen Fällen,
hört er den Polarfuchs bellen.


Christian Morgenstern, 1871 - 1914




Foto von Cherise Evertz auf Unsplash

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