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Sommertraum

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Sommertraum


Golddurchflammte Ätherwogen,
Schwerer Äste grüne Bogen,
Süß verwob'ne Träumerei'n…
Sommer, deine warmen Farben,
Helle Blumen, gold'ne Garben
Leuchten mir ins Herz hinein…

In dem Wald, dem dämm'rig düstern,
Hörst du's rauschen, lispeln, flüstern,
Elfenmärchen – Duft und Schaum…?
Blumenkinder nicken leise,
Lauschen fromm der alten Weise
Von des Waldes Sommertraum…

Und der See, der windumfächelt
Lallend plätschert, sonnig lächelt,
Netzt das Schilf aus lauem Born…
Rosen blühen am Gelände,
Rosenglut, wo ich mich wende,
Und im Herzen tief ein Dorn…





Lisa Baumfeld, 1877 - 1897




Photo credit: Isabella Kramer


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Die beiden Kornähren

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Die beiden Kornähren


Mit stolz erhabener Stirn und nicht durch Last gedrückt

sprach einst ein leerer Halm zu einer vollen Ähre:

Wie kommt es, dass dein Haupt so nach dem Boden nickt?

Sogleich versetzt die dem Brüderchen zur Lehre:

Ich stünde freilich nicht so tief hinab gebückt,

wenn ich so leer wie du in meiner Stirne wäre!



 - Johann Nikolaus Götz, 1721 - 1781






Photo copyright: 
Isabella Kramer

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Der kluge Peter

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Der kluge Peter


Der Peter sass im Sonnenschein
     Auf einem Stein
Und freute sich und lachte.
Was freut sich Peter nur so sehr?


Das Rätsel schien mir wahrlich schwer –
     Doch er sass da und lachte.

Als ich die Neugier nicht mehr trug
     Und endlich frug,
Warum er denn so lachte?


Sprach er: »Die Welt ist wunderschön!
Und ich darf drin spazieren gehn!«
     Er sah mich an und lachte.

»Ei, Peter, du hast wirklich Recht!
     Das ist nicht schlecht!«


»Nicht wahr?« sprach er und lachte,
»Die Weisheit lernet Ihr erst jetzt?«
Da hab ich mich zu ihm gesetzt
     Und freute mich, und lachte.


August Sturm, 1852 - 1923





Foto von Albert Klein auf Unsplash

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Uns sei Blume-sein groß!

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Uns sei Blume-sein groß!

Weiß die Natur noch den Ruck,
Da sich ein Teil der Geschöpfe
Abriß vom stetigen Stand?
Blumen, geduldig genug,
Hoben nur horchend die Köpfe,
Blieben im Boden gebannt.

Weil sie verzichteten auf
Gang und gewillte Bewegung,
Stehn sie so reich und so rein.
Ihren tiefinneren Lauf,
Voll von entzückter Erregung,
Holt kein Jagender ein.

Innere Wege zu tun
An der gebotenen Stelle,
Ist es nicht menschliches Los?
Anderes drängt den Taifun,
Anderes wächst mit der Welle, –
Uns sei Blume-sein groß.



Rainer Maria Rilke, 1875 - 1926






Photo copyright: 
Isabella Kramer



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Auf der Wiese...

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Auf der Wiese...


Auf der Wiese webt und schwebt

Elbenringelreigen;

Feiner Flüsschen Schnee sich hebt

zu geheimen Geigen.

Schleier schlingen sich im Ring,

Silberflechten flimmern,

Flügel wie vom Schmetterling

scheu im Monde schimmern.

Jedes Köpfchen krönt ein Kranz

goldner Leuchtlaternchen,

wunderwirr verstrickt der Tanz

all die tausend Sternchen.




Christian Morgenstern, 1871 - 1914





Gemälde: Midsummer Eve (1908), Edward Robert Hughes



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Fabel vom Unkraut

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Fabel vom Unkraut

Hirtentäschel sprach zur Melde:
„Warum haben wir kein Beet?
Selbst aus seinem größten Felde
mürrisch uns der Bauer jät.

Raps und Leinen sind von allen
wohlgelitten und gehegt,
plumpe Rüben auch gefallen,
und die Erbse wird gepflegt.

Sind wir denn von mindrer Güte
als des Krautes blauer Kopf?
Zierten wir nicht manche Hüte,
flochten Kränze manchem Schopf?“

Und die Nessel und die Möhre
mischten ihre Stimmen ein,
auch des Schachtelhalmes Föhre
wollte nicht verachtet sein.

Schickten drum zu jenem Gotte,
der sie spielend einst gebar.
„Löst uns von diesem Spotte!“
rief der Blumen Klägerschar.

Winde schwenkte weiße Glocken,
Distel ihren Dornenhut,
um den Gott zu sich zu locken,
werbend um sein Gnadengut.

„Ach, wenn nicht die Kinder wären
und die Bienen nimmersatt“,
schrien sie unter Honigzähren,
„längst wärn wir des Blühens satt.“

Beugte sich der Gott zu jeder,
hob sie vor sein Angesicht,
pries der Nelke rote Feder
und des Senfkrauts gelbes Licht.

„Blüht ihr nicht vor meinem Auge?“
mahnte mild, der sie gemacht.
„Fragt ich, ob der Mensch mir tauge,
reuten müsst ich Tag und Nacht.“



Martin Raschke, 1905 - 1943





Photo credit: Isabella Kramer

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