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Der Weihnachtsbaum

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Der Weihnachtsbaum


Strahlend, wie ein schöner Traum,

steht vor uns der Weihnachtsbaum.

Seht nur, wie sich goldenes Licht

auf der zarten Kugeln bricht.

“Frohe Weihnacht” klingt es leise

und ein Stern geht auf die Reise.

Leuchtet hell vom Himmelszelt –

hinunter auf die ganze Welt.



Richard Dehmel, 1863-1920





Photo credit: Isabella Kramer

 

 

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Epiphanias

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Epiphanias 

Die heil'gen drei König mit ihrem Stern,
Sie essen, trinken, und bezahlen nicht gern;
Sie essen gern, sie trinken gern,
Sie essen, trinken, und bezahlen nicht gern.

Die heil'gen drei König sind kommen allhier,
Es sind ihrer drei und sind nicht ihrer vier;
Und wenn statt drei es viere war',
So war' ein heil'ger drei König mehr.

Ich erster bin der weiß und auch der schön',
Bei Tage solltet ihr mich nur erst sehn!
Doch ach, mit allen Spezerein
Werd ich sein Tag kein Mädchen mir erfrein!

Ich aber bin der braun' und bin der lang',
Bekannt bei Weibern wohl und beim Gesang.
Ich bringe Gold statt Spezerein,
Da werd ich überall willkommen sein.

Ich endlich bin der schwarz' und bin der klein'
Und kann auch wohl einmal recht lustig sein.
Ich esse gern, ich trinke gern,
Ich esse, trinke und bedank mich gern.

Die heil'gen drei König' sind wohl gesinnt,
Sie suchen die Mutter und auch das Kind;
Der Joseph fromm sitzt auch dabei,
Der Ochs und Esel liegen auf der Streu.

Wir bringen Myrrhen, wir bringen Gold,
Dem Weihrauch sind die Damen hold;
Und haben wir Wein von gutem Gewächs,
So trinken wir drei so gut als ihrer sechs.

Da wir nun hier schöne Herrn und Fraun,
Aber keine Ochsen und Esel schaun;
So sind wir nicht am rechten Ort
Und ziehn unsers Weges weiter fort.


Johann Wolfgang von Goethe







Gemälde copyright: 
Isabella Kramer 



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Verzeihlich

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Verzeihlich

Er ist ein Dichter; also eitel.
Und, bitte, nehmt es ihm nicht krumm,
Zieht er aus seinem Lügenbeutel
So allerlei Brimborium.

Juwelen, Gold und stolze Namen,
Ein hohes Schloß, im Mondenschein
Und schöne, höchstverliebte Damen,
Dies alles nennt der Dichter sein.

Indessen ist ein enges Stübchen
Sein ungeheizter Aufenthalt.
Er hat kein Geld, er hat kein Liebchen,
Und seine Füße werden kalt.


Wilhelm Busch, 1832 - 1908





Photo copyright: Isabella Kramer

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Das Schilf

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Das Schilf

Stille, er schläft, stille! stille!
Libelle, reg die Schwingen sacht,
Daß nicht das Goldgewebe schrille,
Und, Ufergrün, halt gute Wacht,
Kein Kieselchen laß niederfallen.
Er schläft auf seinem Wolkenflaum,
Und über ihn läßt säuselnd wallen
Das Laubgewölb' der alte Baum;
Hoch oben, wo die Sonne glüht,
Wieget der Vogel seine Flügel,
Und wie ein schlüpfend Fischlein zieht
Sein Schatten durch des Teiches Spiegel.
Stille, stille! er hat sich geregt,
Ein fallend Reis hat ihn bewegt,
Das grad zum Nest der Hänfling trug;
Su, Su! breit, Ast, dein grünes Tuch –
Su, Su! nun schläft er fest genug.



Annette von Droste-Hülshoff, 1797 - 1848



Photo copyright: Isabella Kramer

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Mittagszauber

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Mittagszauber

Goldstaub die Luft! – Der stille Park verträumt,
Die Rosen schwer, vom eignen Dufte trunken,
Und jeder Halm von weißem Licht umsäumt,
Und selbst das Erlenlaub in Schlaf versunken.

Es ist so still – nur dann und wann im Hag
Ein Wachtelruf, des Hähers Liebeslocken,
Ein schluchzend abgebrochner Amselschlag,
Ein kurzes Brausen wie versunkne Glocken.

Ich selbst verträumt, das Auge sonnenschwer,
Es flutet über mich mit schwüler Welle,
Ein blauer Falter taumelt um mich her,
Vom Schilfe tönt das Schwirren der Libelle.

In meiner Seele wird es licht und weit,
Ein Schwanken ist's, ein selig Untergehn.....
Des Sommertags verlor'ne Einsamkeit
Fühl ich wie gold'ne Nebel mich umwehn.

Noch sieht mein Aug' ein fallend Rosenblatt,
Ein Wasserhuhn ist taumelnd aufgeflogen.
Ich sinke hin – so still und traumesmatt
Und treibe steuerlos auf Traumeswogen.



Hedwig Dransfeld, 1871 - 1925





Photo copyright: Isabella Kramer

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In dieser Nacht

  


 

In dieser Nacht 

 

Sahst du schon mal die Weihnachtsfrau
mit ihrem roten Mützchen?
Sie fällt schon auf,
erst rechts ihr Paar Goldflügelchen,
die blitzen besonders schön bei Kerzenlicht.

Natürlich kann sie fliegen!
Wie sollte sie wohl sonst schon auch
 ihr Werk erledigt kriegen?
Verloren wär' der Weihnachtsmann,
wenn sie nicht helfen würde.

Geschenke bringen, weltumspannend,
ist schon 'ne rechte Bürde.
Da ist es gut, wenn man zu zweit
die Arbeit kann sich teilen.

Schaust du in Richtung Nordpol
siehst du, die beiden sich beeilen,
den braven Kinder auf der Welt
Herzwünsche zu erfüllen,
geheimnisvoll und unbemerkt,
in dieser Nacht, der stillen. 

 

 

veredit©isabella.kramer21



Gemälde Copyright: Isabella Kramer 



auch enthalten im neuen Gedichteband "Kinder-Gedichte-Welt" erhältlich über mich oder via blurb.de 


Bitte beachten Sie das Urheberrecht: Copyright Texte, Fotos und Grafiken = Isabella Kramer, veredit - wenn nicht anders erwähnt. Auch für private Homepages dürfen diese Texte, Fotos und Grafiken nicht ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis verwendet werden! Wenn Sie meine Gedichte oder Bilder verwenden möchten, fragen Sie mich bitte. 
Kontakt über E-Mail: vere_dit@yahoo.de



Moderne Lebensweisheit - eine Epistel

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Moderne Lebensweisheit

[Eine Epistel]

Komm' her, mein Sohn, ich will dich Weisheit lehren:
Zuerst vor allem ist es deine Pflicht,
Du mußt den König und die Kirche ehren,
Denn ohne diese beiden geht es nicht. 
Dann mußt du mit der Polizei dich stellen

Auf guten Fuß – und mit den Hunden bellen
Nach Hundeart – doch darfst du unterdessen
Zurzeit dabei das Wedeln nicht vergessen. 
Fehlt auch der Schwanz, man kann es so schon machen
Und sichert sich dabei recht schöne Sachen

An Gunst und Geld, du siehst es ja bei mir. 
Zum Muster nimm dir auch das Schneckentier 
Durch Überhastung schadet man sich viel 
Wo du nicht geh'n kannst, kriech' gemach zum Ziel. 
Auch übe dich recht fleißig im Lavieren 

Dreht sich der Wind – du mußt es gleich verspüren
Und dich mitdreh'n – oft hält dies sehr genau 
Sei nicht zu hitzig, doch auch nicht zu lau. 
Hab' nie 'ne Meinung, die verstößt nach oben,
Und sei gewandt im Tadeln und im Loben,

Ganz selbstverständlich, wo's am Platze ist. 
Daß du dich stets gerierst als guter Christ,
Als Patriot und stramme Ordnungsstütze,
Ist unerläßlich und zu vielem nütze. 
Dann noch, mein Sohn, beherzige die Lehr':

Laß es an Lust und Müh' dir nicht verdrießen 
Der Anfang ist in allen Dingen schwer 
Sei nur beharrlich und du wirst genießen
Gar reichen Lohn, wenn erst die Ernte reif. 
Wahr' stets den Schein – doch auf die Skrupeln pfeif,

Denn was man so im Leben nennt Gewissen,
Ist für die Dummheit gut – drum sei beflissen,
Das Ding den andern fleißig vorzuführen,
Dich selber darf's in keinem Fall genieren,
Emporzuklimmen auf der Lebensbahn 

Das Wörtchen ›Ehre‹ ist ein bloßer Wahn. 
Anseh'n ist gut – doch besser ist das Geld,
Und bist du erst zur Million geschnellt,
Ich sag' es dir zu deinem Nutz und Frommen,
So werden leicht noch Millionen kommen,

Und alles and're kommt von selbst mit an: 
Die Titel, Orden und der Ehrenmann 
Magst du auch im geheimen drüber lachen 
Es hält die Welt gar viel auf solche Sachen. 
Du aber, Sohn, beherzige zum Schluß

Die Quintessenz von meinem ganzen Rat:
Der Weisheit A und O ist der Genuß 
Nach uns die Sündflut und – der Zukunftsstaat. 



Heinrich Kämpchen, 1847 - 1912




Photo copyright: Isabella Kramer
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Der Fischer von Gotin



Der Fischer von Gotin

Was regt sich dort um Mitternacht?
Elz hat das Netz zu Strand gebracht,
Die Havel hegt viel Fische.

Da rufts von drüben mit fremdem Laut:
"Hol über!" so wüst daß Eulen graut,
Elz aber frägt: "Wer ruft da?"

"Hol über!" rufts mit grimmem Ton;
Ein andrer wär da bald entflohn,
Elz aber ruft: "Wer seid ihr?"

"Hol über!" rufts mit solcher Wut,
Daß her zum Nachen rauscht die Flut,
Elz aber nimmt das Ruder,

Kennt keine Furcht und keinen Schreck,
Er springt ins Schiff und rudert keck,
Bis er gelangt zum Strande.

Da schleppt sich herab aus wildem Wald
Eine riesig dunkle Graungestalt
Ins Schiff wie mit bleiernen Füßen,

So schwer, daß fast es niedergeht.
Doch Elz stößt ab das Boot und steht
Hochschwebend am andern Ende.

Wie auch das schwanke Holz erkracht,
Elz stehet fest und lenkts mit Macht
Hin durch den Strom der Havel.

Der Fremde blickt ihn furchtbar an,
Elz wieder ihn, als echter Mann,
Und schwingt gemach das Ruder.

Und wie er kommt zum andern Strand
Steigt schweren Tritts der Gast ans Land,
Elz aber heischt das Fährgeld.

"Es liegt im Schiff worin ich saß,
Den keiner zu fahren sich je vermaß
Als du allein, du Kühner!

Denn wisse, daß der Tod ich bin:
Ich ziehe vor Tage nach Gotin
Und alles wird da sterben.

Nur du sollst spät mich sonder Graun
Mit leichten Flügeln wiederschaun
Als sanften Seelenlöser."

So sprache der Riese und verschwand,
Elz aber sah ins Schiff und fand
Es strahlend voll von Golde.

August Kopisch, 1799 - 1853




Photo copyright: Isabella Kramer
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Die Wintersonne an die Südländer

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Die Wintersonne an die Südländer

Hängt länger euch, o Kinder,
Nicht an mein goldnes Kleid!
Hab' ja noch andre Kinder
Im Norden, weit, weit, weit!

In ihrem grimmen Winter
Bin ich ihr einz'ger Trost:
Komm' ich nicht auf ein Stündchen,
Sie sterben mir vor Frost.

Auf dumpfer Hütten Schwelle,
Um die ein Eiswall ragt,
Erwarten ungeduldig
Sie mich, sobald es tagt.

Sie grüßen laut aufjauchzend
Mit Schmeichelnamen mich,
Und weinen fast, entfernet
Mein goldner Wagen sich.



Elisabeth Kulmann, 1808 - 1825



Photo copyright: Isabella Kramer

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Die weiße Schlange

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Die weiße Schlange

Auf der Burg in reichgeschmückter Halle
Schweigsam brütend sitzt der greise Stojan,
Sitzt beim vollen Silberkrug und trinkt nicht,
Starrt empor zum Balkenwerk der Decke,
Das von güldnen Drachenköpfen funkelt;
Hell ins Fenster lacht die Spätherbstsonne,
Doch nicht mit ihr lacht die Seele Stojans;
Denn sie denkt Gedanken vorger Tage,
Denkt und sinnt, und weiß nicht froh zu werden.

Tritt zu ihm herein vom See der Fischer,
Neigt sich dreimal tief und spricht die Worte:
»Grüß dich Gott, Herr Stojan, mein Gebieter!
Heute nacht im See die Netze warf ich,
Doch nicht Aale fing ich drin, noch Karpfen,
Noch die Brut des blaugefloßten Hechtes,
Fing statt ihrer eine weiße Schlange,
Weiß am Kopf und Rücken, rot am Bauche.

Wer von solcher weißen Schlange isset,
Der vernimmt es, was die Tiere sprechen,
Auf dem Feld das Wild, im Laub die Vögel.
Auch der Wipfel Rede mag er deuten,
Wenn sie flüstern mit den grünen Zungen,
Und des Bachs Geschwätz, der Winde Sausen.
Gibst du dreißig Goldstück mir, Herr Stojan,
Will ich dir die weiße Schlange lassen.«

Dreißig Goldstück gibt der Greis dem Fischer,
Schickt ihn heim und ruft den Koch zur Stelle,
Daß er ihm die Schlange zubereite;
Spricht dann zu sich selbst, und pfeift dazwischen:
Mag hinfort mich die Woiwodschaft meiden,
Die mir nicht zum Schmause kommt um Ostern
Noch zum Zechgelag am Neujahrsabend;
Fortan lach ich ihres Außenbleibens.
Reden werd ich mit den Tieren draußen,
Daß sie die Gedanken mir verscheuchen
Und die Träume, die ich träum im Wachen.

Als die Mittagstunde nun geschlagen,
Bringt der Koch die Schlange wohlbereitet,
Grünumkränzt auf goldgediegner Schüssel.
Munter setzt Herr Stojan sich zur Tafel,
Legt sich vor und ißt mit Wohlbehagen,
Ißt, und trinkt vom roten Wein dazwischen,
Bis die Schüssel auf den Grund geleert ist.
Drauf vom Sessel springt er auf die Füße,
Schnallt sich um den Säbel mit Smaragden,
Heißt den Knecht sein türkisch Rotroß satteln,
Schwingt sich auf und reitet aus dem Hofe.

Bald im dichten Walde trabt Herr Stojan,
Wo der Weg zum schwarzen See hinabführt,
Laublos schon am Wege stehn die Bäume;
In den Wipfeln hört er da ein Schallen,
Das von Ast zu Aste weiterflüstert,
Bang und traurig wie von Menschenstimmen,
Die ein dräuend Unheil sich verkünden.
Doch er achtet′s kaum und reitet weiter.

Als er nun den schwarzen See erreicht hat,
Flattern übers Wasser her zwei Raben,
Alte Vögel beide, breitgeflügelt,
Ruhn dann krächzend aus auf einer Fichte.
Wohl vernimmt Herr Stojan, was sie krächzen,
Hält sein Rotroß an und lauscht zur Kurzweil.
Spricht der erste Rabe da zum zweiten:
Bruder, sprich, woher hast du den Goldreif,
Den ich gestern sah in deinem Schnabel,
Fein und blank, mit sieben roten Steinen?

Wo nur hast du den gefunden? Sag mir′s!
Ihm erwidert drauf der andre Vogel:
Märlein will ich dir erzählen, Bruder,
Von dem Goldreif wunderliche Märlein.
Sind nun siebenundzwanzig Jahr und länger,
Daß ein Mägdlein hier im Walde wohnte,
Weiß und rot, mit langen schwarzen Zöpfen.
Trug sie nur ein Hemd von grobem Linnen,
Nur Sandalen an den weißen Füßen,
Trug sie doch ein Antlitz wie die Blumen.

Heller schien die Sonne, wenn sie lachte,
Wenn sie sang, so stand das Bächlein stille,
Grüner ward der Rasen, drauf sie tanzte.
Sieh, da kam des Wegs ein Herr geritten,
Reiherfedern an der Zobelmütze,
Gold sein Zaum, sein Säbel mit Smaragden.
Einmal kam er erst, dann kam er vielmals,
Sprach ihr zu und schwur ihr hundert Schwüre,
Steckt′ ihr an den Finger einen Goldreif

Fein und blank, mit sieben roten Steinen,
Daß sie seinen Schwüren glauben möchte;
Und sie glaubt′ und ließ von ihm sich küssen.
Lieblich däucht′ es ihr den langen Sommer.
Aber als im Herbst die Vögel zogen,
Fernhinzogen und nicht wiederkamen,
Kam auch er nicht wieder gleich den Vögeln;
Wo er blieb, das mag die Sonne wissen.
Doch jedweden Abend kam das Mägdlein,
Saß am See und weinte heiße Tränen,
Weint′ hernieder auf den Schnee im Winter,
Und im Frühjahr auf die blauen Veilchen.

Aber in der Nacht der Frühlingsgleiche
Schrie sie laut empor vor großer Trübsal,
Sprang hinunter dann ins schwarze Wasser.
Keiner hat sie wieder je gesehen;
Nur den Goldreif warf der See ans Ufer.
So zum einen Raben spricht der andre,

Doch Herrn Stojan dünkt es üble Kurzweil;
Dröhnend schlägt das Herz ihm wie ein Hammer.
Seinem Rotroß schlägt er ein die Sporen,
Daß es stöhnt und jählings drauf dahinschießt
Kreuz und quer, von keinem Pfad geleitet.
Aber endlich keuchend hält er stille,
Hält an einer Hütt, und will nicht weiter.

Tief im finstern Walde liegt die Hütte,
Hat nicht Fenster mehr, noch Tür und Angel;
Hohes Unkraut wuchert auf der Schwelle.
Sitzen auf dem Dach zwei wilde Tauben,
Blau und weiß, ein Männlein und ein Weibchen,
Gurren laut, und wohl vernimmt′s Herr Stojan.

Fragt die wilde Taube da den Tauber:
Männlein sprich, was ist′s mit dieser Hütte,
Daß darinnen keine Menschen hausen,
Wie in allen Hütten sonst im Forste?
Warum steht sie gar so öde! Sag mir′s!

Ihr erwidert drauf der wilde Tauber:
Märlein sollst du hören, du mein Weibchen;
Nicht zu jeder Zeit war′s hier so einsam.
Wohnte vormals in der Hütt ein Köhler,
Alt von Jahren, schwarz, mit weißem Barte;
Wohnte mit ihm drin ein junger Knabe,
Sah nicht aus wie Köhlerbuben aussehn,
Hieß er so, doch war er′s nicht in Wahrheit,

Denn am See einst fand das Kind der Alte
Morgens nach der Nacht der Frühlingsgleiche,
Nahm′s und pflegt′ es groß an Sohnes Stelle.
Stark und schön erwuchs der Knab im Walde,
Goldne Locken sproßten ihm am Haupte,
Schwarze Brauen über schwarzen Augen.

Doch am Meiler mocht er nimmer stehen,
Noch die Kohlen schüren mit dem Schürbaum,
Schnitzte lieber Bogen sich und Pfeile,
Scharfe Pfeile, die das Wild erlegen,
Oder zog sich Falken auf zur Beize.
Täglich ging er dann hinaus zu jagen,
Kehrte heim zu Nacht mit reicher Beute,

Und der Köhler freute sich des Mahles.
Aber einst am Tag der Sonnenwende -
Sieben Jahre sind es nun und länger -
Ging er auch zu Wald, und kam nicht wieder,
Kam auch nicht am andern Tag, noch später,
Daß der Alte drob zu Tod sich härmte.
Wo er blieb, das mag die Sonne wissen.

So zur wilden Taube spricht der Tauber;
Doch Herr Stojan hört es mit Entsetzen,
Kalter Angstschweiß perlt ihm von der Stirne,
Und zu Eis gefriert sein Herz im Leibe.
Plötzlich wirft er dann herum sein Rotroß,
Jagt nach Hause fort durch Dorn und Dickicht,
Jagt in Hast, als ob der Tod ihn hetze.
Scharf ins Antlitz schlagen ihm die Äste,
Zornig pfeift der Wind aus Hagelwolken,
Doch er merkt es kaum und fleucht von dannen.

Als er nun das Tor der Burg erreicht hat,
Sporenklirrend eilt er in die Halle,
Heißt im Steinkamin ein Feuer zünden,
Hoch aus Fichtenholz ein großes Feuer,
Daß er sich sein frierend Herz erwärme,
Wirft sich lechzend dann in seinen Sessel.
Bald im Steinkamine brennt das Feuer.

Brütend ins Geloder starrt Herr Stojan;
Aber wie er starrt, da saust es drinnen,
Saust und prasselt um die harzgen Scheite;
Sieh, und plötzlich reckt sich hoch die Flamme,
Blitzt ihn an und spricht mit roten Zungen:
Märlein künden will ich dir, Herr Stojan,

Dunkle Märlein von vergangnen Tagen.
War ich einst ein Fichtenbaum im Walde,
Streckte tief ins Erdreich meine Wurzeln,
Meinen Wipfel in des Himmels Bläue.
Wohl gedenk ich noch der alten Zeiten,
Doch zumeist des Tags der Sonnenwende,

Sieben Jahre sind es nun und länger.
Saß ein Knabe da in meinem Schatten,
Goldnen Haars, mit schwarzen Augenbrauen,
Trug auf seiner Faust den schönsten Falken,

Spielt′ und koste mit dem klugen Vogel.
Zu der Stunde kamst auch du, Herr Stojan,
Kamst vom Weidwerk durch den Busch geschritten,
Sahst den Falken an, und er gefiel dir,
Daß du trutzig ihn vom Knaben heischtest.

Aber dieser wollt ihn nimmer lassen,
Faßt′ ihn fest und lachte, da d drohtest,
Lachte, wie du selber pflegst zu lachen.
Da ergrimmte dir die finstre Seele,
Zogst ein spitzes Messer aus dem Gürtel,

Stießest ihm ins Herz das spitze Messer,
Wandtest dich und flohst mit roten Händen;
Kreischend hub der Falk sich in die Lüfte.
Doch im Moos verscheidend lag der Knabe;
Langsam aus der Wunde troff sein Herzblut,

Troff in Strömen über meine Wurzeln,
Troff hinunter in die schwarze Erde.
Sieh, da schauderte die schwarze Erde,
Zuckte wie im Krampf und schrie zur Sonne:
Weh, von welchem Blut hab ich getrunken!
Blut, verströmt in unerhörtem Greuel,
Kindesblut von Vaterhand vergossen!

Also saust im Steinkamin die Flamme.
Da vom Sessel fluchend springt Herr Stojan,
Reißt den krummen Säbel aus der Scheide,
Haut in blinder Wut damit ins Feuer,
Daß die Brände durch die Halle spritzen,
Taumelt dann und stürzt erschöpft zu Boden.

Aber leise züngelt′s aus den Bränden,
Schießt wie rote Schlänglein hin und wieder,
Leckt und klimmt empor am Wandgetäfel,
Klimmt empor ins Balkenwerk der Decke.
Doch urplötzlich droben wächst die Lohe
Wie ein Riesenfächer, der sich aufschlägt,
Bricht zugleich durch Fenster, Pfort und Gitter,
Wirbelt aus dem Dach als Feuersäule,
Wirbelt hoch hinauf zum dunkeln Himmel,
Und in Flammen kracht die Burg zusammen.

Liegt nun tief im Wald ein Trümmerhaufen,
Hochgetürmter Schutt, verkohlte Balken:
Jagt kein Jäger dort und treibt kein Hirte,
Singt kein Vogel auch an jener Stätte,
Und kein Tau benetzt umher das Erdreich.
Denn verflucht sind die geschwärzten Steine;
Drunter liegen die Gebeine Stojans,
Stojans, der den eignen Sohn erschlagen.


Emanuel Geibel * 17.10.1815, † 06.04.1884




Photo by Samuel Ferrara on Unsplash


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Weihnachten

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Weihnachten

Und wieder nun läßt aus dem Dunkeln
Die Weihnacht ihre Sterne funkeln!
Die Engel im Himmel hört man sich küssen
Und die ganze Welt riecht nach Pfeffernüssen ...

So heimlich war es die letzten Wochen,
Die Häuser nach Mehl und Honig rochen,
Die Dächer lagen dick verschneit
Und fern, noch fern schien die schöne Zeit.
Man dachte an sie kaum dann und wann.
Mutter teigte die Kuchen an
Und Vater, dem mehr der Lehnstuhl taugte,
Saß daneben und las und rauchte.
Da plötzlich, eh man sich's versah,
Mit einem Mal war sie wieder da.

Mitten im Zimmer steht nun der Baum!

Man reibt sich die Augen und glaubt es kaum ...
Die Ketten schaukeln, die Lichter wehn,
Herrgott, was giebt's da nicht alles zu sehn!
Die kleinen Kügelchen und hier
Die niedlichen Krönchen aus Goldpapier!
Und an all den grünen, glitzernden Schnürchen
All die unzähligen, kleinen Figürchen:
Mohren, Schlittschuhläufer und Schwälbchen,
Elephanten und kleine Kälbchen,
Schornsteinfeger und trommelnde Hasen,
Dicke Kerle mit rothen Nasen,
Reiche Hunde und arme Schlucker
Und Alles, Alles aus purem Zucker!

Ein alter Herr mit weißen Bäffchen
Hängt grade unter einem Äffchen.
Und hier gar schält sich aus seinem Ei
Ein kleiner, geflügelter Nackedei.
Und oben, oben erst in der Krone!!
Da hängt eine wirkliche, gelbe Kanone
Und ein Husarenleutnant mit silbernen Tressen –
Ich glaube wahrhaftig, man kann ihn essen!

In den offenen Mäulerchen ihre Finger,
Stehn um den Tisch die kleinen Dinger,
Und um die Wette mit den Kerzen
Puppern vor Freuden ihre Herzen.
Ihre großen, blauen Augen leuchten,
Indess die unsern sich leise feuchten.
Wir sind ja leider schon längst »erwachsen«,
Uns dreht sich die Welt um andre Achsen

Und zwar zumeist um unser Bureau.
Ach, nicht wie früher mehr macht uns froh
Aus Zinkblech eine Eisenbahn,
Ein kleines Schweinchen aus Marzipan.
Eine Blechtrompete gefiel uns einst sehr,
Der Reichstag interessiert uns heut mehr;
Auch sind wir verliebt in die Regeldetri
Und spielen natürlich auch Lotterie.
Uns quälen tausend Siebensachen.
Mit einem Wort, um es kurz zu machen,
Wir sind große, verständige, vernünftige Leute!

Nur eben heute nicht, heute, heute!

Über uns kommt es wie ein Traum,
Ist nicht die Welt heut ein einziger Baum,
An dem Millionen Kerzen schaukeln?
Alte Erinnerungen gaukeln
Aus fernen Zeiten an uns vorüber
Und jede klagt: Hinüber, hinüber!
Und ein altes Lied fällt uns wieder ein:
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!





Hermann Oscar Arno Alfred Holz, 1863 - 1929


 
 Photo credit: Isabella Kramer








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Oktoberlied

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Oktoberlied

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!
Und geht es draußen noch so toll,
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schöne Welt,
So gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz –
Stoß an und laß es klingen!
Wir wissen's doch, ein rechtes Herz
Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfließen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Genießen, ja genießen!




Theodor Storm, 1817 - 1888





Photo copyright: Isabella Kramer

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Weihnachtsgedicht

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Weihnachtsgedicht


Für euch, o Kinder, blüht das Fest der Feste,
Was bringt's wohl diesmal? Welch ein Meer von Licht?
Könnt ihr's erwarten? Wißt, das Allerbeste,
Das habt ihr schon. Das ist's: ihr wißt's noch nicht.

Was wir zum Spiel, was wir zum Ernst euch geben,
Als reine Freude gebt ihr's uns zurück.
Das ist das Beste, daß es eurem Leben
Noch Wahrheit ist und ungetrübtes Glück.

Noch goldne Früchte trägt an seinen Zweigen
Für euch der Tannbaum, der im Wintergraun
Und einsam steht im Wald mit ernstem Schweigen,
Auf den die goldnen Sterne niederschaun.

Ein ganzes Jahr mit vielen, vielen Tagen
Erglänzt an dieses Tages Widerschein.
Mög' jeder Ernst euch goldne Früchte tragen
Und jedes Spiel euch lehren, froh zu sein.



Hermann Ritter von Lingg, 1820 - 1905
 
 



Photo credit: Isabella Kramer 





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Ranunkel-Gefunkel






















Ranunkel-Gefunkel

Ein Blümchen mit Namen Ranunkel
das spreizt sich ganz reizend im Licht,
denn feinstes Goldsonnengefunkel,
lässt leuchten sein kleines Gesicht.

Drum kichert und dreht es sich immer
und reckt seine Blättchen zur Sonne,
die küsst‘ drauf den zartesten Schimmer.
Ranunkelchen lächelt voll Wonne.

Du denkst dir, wie soll das denn gehen?
Dann schau dir Ranunkeln gut an.
Bei Sonnenschein richtig besehen,
sie funkeln und lächeln dich an.




veredit©isabella.kramer 09.02.10




Safe Creative #1003305876614




Photo Copyright: 
Isabella Kramer


auch enthalten im neuen Gedichteband "Kinder-Gedichte-Welt" erhältlich über mich oder via blurb.de 


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Kontakt über E-Mail: vere_dit@yahoo.de



Kind und Pfau

 


Kind und Pfau


Im Mäntelchen mit viel Besatz
und seidener Kapotte*,
im Spitzenkragen und Seidenlatz,
so steht hier die Charlotte.
Da kommt daher ein stolzer Pfau,
mit Federn, vielen hundert,
der sieht die kleine Menschenfrau, -
und beide steh'n verwundert.
Die Lotte beugt sich staunend vor,
der Pfau beugt sich zurücke
und spreizt den blauen Federflor; -
so kreuzen sich die Blicke.
"Was ist das für ein schönes Tier!"
so denken alle beide.
Er deucht ihr ganz von Golde schier,
sie deucht ihm ganz von Seide.
- Sie seh'n sich fast die Augen blind
am Kleid und an den Daunen -
und wenn sie nicht gegangen sind,
steh'n sie wohl noch und staunen.




Erich Mühsam (1878-1934)




*Eine Kapotte ist ein unter dem Kinn gebundene hutähnliche Haube, auch Schute genannt unter der der damals übliche Haarknoten verborgen wurde. Getragen bis Mitte des 19. Jahrhunderts. 


Photo copyright: Isabella Kramer

Zu Weihnachten











Das ist der liebe Weihnachtsbaum.
Ja solch ein Baum!
Der grünt bei Schnee, der glänzt bei Nacht
wie die himmlische Pracht,
trägt alle Jahre seine Last,
Äpfel und Nüsse am selben Ast,
Zuckerwerk obendrein -
so müssten alle Bäume sein!
Nun hat ihn gebracht der Weihnachtsmann,
drei Kinder steh'n und seh'n ihn an.

Das erste spricht:
"Der ist doch Weihnacht das Schönste, nicht?"
Das andre: "Woher an Äpfeln und Nüssen
Gold und Silber wohl kommen müssen?
Ich denk mir, das Christkind fasste sie an,
gleich war Gold oder Silber dran."
Das dritte: "Christkind müßte einmal
den ganzen Wald so putzen im Tal;
dann würde gleich aller Schnee zergeh'n,
und dann - das gäb ein Spazierengeh'n!"




Victot Blüthgen, 1844-1920

 

 

 Photo credit: Isabella Kramer


 

 

 

 

Abendlied - Manfred Kyber

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Abendlied

Der Abend kommt, der Tag ist aus,
Frau Sonne geht zur Ruh.
Sie geht wohl in ihr Wolkenhaus
und macht die Türe zu.

Dann werden alle angebrann
die Sternlein in der Nacht.
Es halten über Meer und Land
die Engel heil’ge Wacht.

Und wenn die goldnen Sterne stehn
und scheint der Mond dazu,
dann müssen alle schlafen gehen:
die Welt und ich und du.

Und schläfst du ein und hast du kaum
die Augen zugemacht,
dann schenkt dir einen lieben Traum
die Königin der Nacht.


Manfred Kyber, 1880 - 1933





Foto copyright: Isabella Kramer