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Es pfeift der Wind...

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Es pfeift der Wind...

Es pfeift der Wind. Was pfeift er wohl?
Eine tolle, närrische Weise.
Er pfeift auf einem Schlüssel hohl,
bald gellend und bald leise.

Die Nacht weint ihm den Takt dazu
mit schweren Regentropfen,
die an der Fenster schwarze Ruh
ohn End eintönig klopfen.

Es pfeift der Wind. Es stöhnt und gellt.
Die Hunde heulen im Hofe. –
Er pfeift auf diese ganze Welt,
der große Philosophe.



Christian Morgenstern, 1871 - 1914




Photo copyright: Isabella Kramer

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Regenwetter

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Regenwetter

Was ist das für ein Wetter heut!
Es regnet ja wie toll!
Die Straße ist ein großer See,
Die Gosse übervoll.

Der Sperling duckt sich unters Dach,
So gut er eben kann,
Und Nero liegt im Hundehaus
Und knurrt das Wetter an.

Wir aber haben frohen Mut
Und sehn dem Regen zu,
Erzählen uns gar mancherlei
Daheim in guter Ruh.

Lass regnen, was es regnen will!
Lass allem seinen Lauf!
Und wenn's genug geregnet hat,
So hört's auch wieder auf.



Friedrich Halm, eigentlich Eligius Franz Joseph Freiherr von Münch-Bellinghausen, 1806 - 1871



Gemälde copyright: Isabella Kramer 

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Der Reiter und der Bodensee

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Der Reiter und der Bodensee


Der Reiter reitet durch’s helle Tal,
Auf’s Schneefeld schimmert der Sonne Strahl.

Er treibet im Schweiß durch den kalten Schnee, –
Will heut noch erreichen den Bodensee;

Noch heut mit dem Pferd’ in den sichern Kahn
Will drüben noch landen vor Nacht er an.

Auf schlimmem Weg, über Dorn und Stein,
Er braust auf rüstigem Roß feldein.

Aus den Bergen heraus, in’s ebene Land,
Weit sieht er sich dehnen das Schneegewand.

Weit hinter ihm schwindet so Dorf wie Stadt,
Der Weg wird eben, die Bahn wird glatt.

In weiter Fläche kein Bühl, kein Haus,
Die Bäume gingen, die Felsen aus;

So flieget er hin eine Meil’ und zwei,
Er hört in den Lüften der Schneegans Schrei;

Es flattert das Wasserhuhn empor,
Nicht andere Laute vernimmt sein Ohr;

Keinen Wandersmann sein Auge schaut,
Der ihm den rechten Pfad vertraut.

Fort geht’s wie auf Samt, auf dem weichen Schnee;
Wann rauscht denn das Wasser? wann glänzt der See?

Da bricht der Abend, der frühe herein,
Von Lichtern blinket ein ferner Schein.

Es hebt aus dem Nebel sich Baum an Baum,
Und Hügel schließen den weiten Raum.

Er spürt auf dem Boden Stein und Dorn,
Dem Rosse giebt er den scharfen Sporn.

Die Hunde bellen empor am Pferd,
Und es winkt im Dorf ihm der warme Herd.

„Willkommen am Fenster, Mägdelein,
An den See, an den See, – wie weit mag’s sein?“

Die Maid, sie staunet den Reiter an:
„Der See liegt hinter dir und der Kahn.

Und deckt ihn die Rinde von Eis nicht zu,
Ich spräch’, aus dem Nachen stiegest du.“

Der Fremde schaudert, er atmet schwer:
„Dort hinten die Eb’ne, die ritt ich her!“

Da recket die Magd die Arm in die Höh’:
„Herr Gott! so rittest du über den See!“

„An den Schlund, an die Tiefe bodenlos
Hat gepocht des rasenden Hufes Stoß!“

„Und unter dir zürnten die Wasser nicht?
Nicht krachte hinunter die Rinde dicht?“

„Du wardst nicht die Speise der stummen Brut?
Der hungrigen Hecht’ in der kalten Flut?“ –

Sie rufet das Dorf herbei zu der Mähr,
Es stellen die Knaben sich um ihn her;

Die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:
„Glückseliger Mann, ja, segne du dich!“

„Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,
Brich mit uns das Brot und iss vom Fisch!“

Der Reiter erstarret auf seinem Pferd,
Er hat nur das erste Wort gehört.

Es stocket sein Herz, es sträubt sich sein Haar,
Dicht hinter ihm grinset noch die Gefahr.

Es sieht sein Blick nur den grässlichen Schlund,
Im Geist versinkt er im schwarzen Grund.

Im Ohr ihm donnerts, wie krachend Eis,
Wie die Well’ umrieselt ihn kalter Schweiß.

Da seufzt er, da sinkt er vom Roß herab,
Da ward ihm am Ufer ein – trocken Grab.


Gustav Schwab, 1792 - 1850




Foto von Nick Iliasov auf Unsplash


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Der brave Karo

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Der brave Karo

Die Mutter ging, das Kind schläft gut;
Es bleibt zurück in Karo's Hut.

Doch bald – wer hätte das gedacht! –
Das Kindlein in der Wieg' erwacht.

Schon schreit das kleine Ännchen laut,
Der Karo sehr bekümmert schaut.

Der kluge Hund ans Fenster springt:
"Kommt niemand, der mir Hilfe bringt?"

Umsonst, es kommt kein Mensch heran!
Laut fängt der Hund zu bellen an.

Das Kindlein immer lauter schreit,
Nun ist Bewegung an der Zeit.

Der Karo schaukelt hin und her,
Die Wiege schwingt sich immer mehr.

Erschrocken schaut jetzt Karo stumm;
Es scheint, als schlüg' die Wiege um.

Da richtig liegt die Kleine schon
Heraußen! Seht, das kommt davon!

Es setzt sich Ännchen auf und weint;
Die Tränen leckt ihm ab der Freund.

Und wie gerade steht das Kind,
Der Karo gleich sein Spiel beginnt.

Vom Fenster jetzt zu seinem Glück
Zieht Karo Ännchen rasch zurück.

Und weil’s darob verdrießlich ist,
Sorgt Karo, daß es dies vergißt.

Er bringt ihm, zu des Kind's Behagen,
Das kleine Püppchen und den Wagen.
 
Nun zieht – für einen Hund nicht dumm –
Er das Gespann im Kreis herum,

Bis Ännchen jetzt zu Boden fällt,
Was ihm die Freude sehr vergällt.

Aufs neu' das Weinen nun beginnt:
"Beruhige dich, du liebes Kind!"

Nun denken Kind und Karo bang:
"Wo bleibt die Mutter denn so lang?"

Als sie die Mutter endlich seh'n,
Da heißt es schnell zu Bette geh'n.
 
Die Mutter kommt – ihr Aug' und Ohr
Das findet alles wie zuvor.



Franz Bonn, 1830 - 1894 

 

 


Gemälde copyright: 
Isabella Kramer

 

 

 

Sprüche der Albernheit

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Sprüche der Albernheit

Hüte dich vor Hund und Katzen,
Hüte dich vor Laus und Floh,
Denn die einen können kratzen,
Und die andern beißen froh.
Darum selber thu' dich kratzen
Darum leb wie Laus' und Floh,
Aber nicht wie Hund und Katzen,
Laus und Hund und Katzen kratzen
Und zu hüten ist der Floh,
Willst du sein des Lebens froh.


Ludwig Eichrodt, 1827 - 1892 

 



Gemälde copyright: Isabella Kramer 


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Die Rutschpartie

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Die Rutschpartie

Da kommt der Hans auf seinem Schlitten
Vergnügt den Berg herab geritten. 
Grad geht der Küster da vorbei
Und friert und denkt sich allerlei.
Schnupp! hat der Schlitten ihn erfasst,
Warum hat er nicht aufgepaßt!

Ein Jäger raucht und geht nach haus;
Der Schlitten kommt in vollem Saus. 
Schau, schau! Den Hund, den hat's bereits; 
Der Jäger spränge gern abseits. 
Jedoch der Schlitten faßt ihn schon;
Die Tabakspfeife fliegt davon. 

Nun kommt trotz Ach- und Wehgeschrei
Die Botenfrau auch an die Reih'.
So saust man unaufhaltsam fort
Bis zu dem steilen Abhang dort. 
Ein jeder fliegt von seinem Sitze;
Der Schuss geht los und durch die Mütze. 

Hier steckt ein jeder tief im Schnee
Und reckt die Beine in die Höh'.
Doch gleich hat man sich aufgerafft
Und prügelt sich mit aller Kraft. 
Zum Schluss geht man voll Schmerz beiseit';
Das macht die Unvorsichtigkeit. 




Wilhelm Busch 





Gemälde copyright: 
Isabella Kramer 


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Der Kirschenstrauß

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Der Kirschenstrauß


Blond und fein, ein Lockenköpfchen,
Das kaum vier der Jahre hat,
Trippelt ängstlich durch das Gäßchen,
Jeder Schritt noch eine Tat.

Eier trägt es in den Händen,
Die es so verlegen hält,
Wie auf alten Kaiserbildern
Karl der Große seine Welt.

Arme Kleine! Wenn sie fielen,
Gäb' es keinen Kuchen mehr,
Und der Weg ist so gefährlich
Und das Herzchen pocht so sehr!

Hätte sie geahnt, wie teuer
Oft sich büßt der Tatendrang,
Nimmer hätt' sie ihn der Mutter
Abgeschmeichelt, diesen Gang.

Dennoch käm' sie wohl zu Hause,
Forderte der Kirschenstrauß,
Den die Krämerin ihr schenkte,
Nur den Durst nicht so heraus.

Doch sie möchte eine kosten
Von den Beeren rund und rot,
Denn es sind für sie die ersten,
Und das bringt ihr große Not.

Ihre Hand zum Mund zu führen,
Wagt sie nimmer, denn das Ei
Könnte ihr derweil entschlüpfen,
Hält sie doch den Strauß dabei.

Drum versucht sie's, sich zu bücken,
Doch die Kluft ist gar zu weit,
Und sie spitzt umsonst die Lippen
Nach der würz'gen Süßigkeit.

Aber sie gerät ins Straucheln,
Und das Unglück wär' geschehn,
Bliebe sie nicht auf der Stelle
Wie erstarrt vor Schrecken, stehn.

Denn die Eier wollten gleiten,
Und sie hält sie nur noch fest,
Weil sie beide unwillkürlich
Gegen Leib und Brust gepreßt.

Lange wird es zwar nicht dauern:
Bellt der erste kleine Hund,
Fährt sie noch einmal zusammen,
Und sie rollen auf den Grund.

Doch da springt, den Küchenlöffel
In der mehlbestäubten Hand,
Ihr die Mutter rasch entgegen,
Und das Unglück ist gebannt.


Friedrich Hebbel, 1813 - 1863





Foto von Maja Vujic auf Unsplash

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Strandidyll

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Strandidyll

Auf dem Rücken im warmen Sand
Nie ein schöneres Lager ich fand.
Murmelnde, kichernde Wellen zu Füßen,
Oben im Wind ein Lispeln und Grüßen
Schwankender Halme und leises Gesumm
Sammelnder Bienen, sonst Stille ringsum.
Ja, ringsum!
Nur selten, bald ferne, bald nahebei
Ein Möwenschrei.

Durch das halbgeöffnete Lid
Blinzelt das Auge hinüber zum Ried.
Blendendes, zitterndes Sonnengegleiße;
Schmetterlingsspiele. Blaue und weiße
Kinder der Stunde. Nun löst aus der Schar
Sich ein bläulich geflügeltes Paar,
Liebespaar!
Das schaukelt und gaukelt und flügelt und giebt
Sich sehr verliebt.

Plötzlich, ei fällt denn der Himmel ein?
Weitet sich, breitet sich bläulicher Schein.
Lässt sich das zärtliche Pärchen nieder
Frech mir gerad' auf die Augenlider?
Aber schon merk' ich's am salzigen Geruch,
Und schon fühl' ich's am derben Tuch,
Schürzentuch,
Und hör es am Lachen, die Grete, die Katz,
Beschlich ihren Schatz.

Seit an Seit und Hand in Hand,
Schäferstündchen am stillen Strand.
Schmeichelnder Wind und schäkernde Wellen;
Faltergeschwirr im zitternden, hellen
Sonnengeflirr überm Dünenhang;
Irgendwoher ein verwehter Klang,
Glockenklang,
Und Hundegebell und das klägliche Muh
Einer einsamen Kuh.




Gustav Falke, 1853 - 1916



Foto Copyright: Isabella Kramer.

Hunde und Katzen

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Hunde und Katzen

Die Hund' und die Katzen die stritten sich
Und zankten sich um die Wette,
Wer unter ihnen urkundlich
Den ältesten Adel hätte.

"Wir haben ein ururaltes Diplom
Lang her von undenklichen Tagen,
Was Remus mit Romulus einst zu Rom
Gab allen Isegrims-Magen."

"Zeigt uns, erwiedern die Katzen, wohlan!
Zeigt her die alten Briefe!
Was steht denn drin, was hangt denn dran?
Wo sind sie, in welchem Archive?"

Man schickte den Pudel eilig nach Rom
Zum Aerger der Katzen und Kater,
Der sollte holen das alte Diplom
Herbei vom heiligen Vater.

Der Pudel kommt ganz ungeniert
Zum Papst hereingetreten;
Er hat den Pantoffel ihm apportiert
Und dann ihn höflich gebeten.

Der Pudel empfing aus des Papstes Hand
Was das Hundevolk begehrte;
Dann zog er wiederum in sein Land
Auf seiner alten Fährte.

Und als er kam an den Po bei Rom,
Da schwamm vor ihm ein Braten,
Er schnappte danach, und verlor sein Diplom,
Und musst' es auf ewig entrathen.

So stand die Sache nun wie zuletzt,
Der Streit blieb unentschieden,
Und Hund' und Katzen halten bis jetzt
Noch immer keinen Frieden.

Die Hunde die denken noch immer so:
Wir werden sie schon überwinden!
Sie suchen und forschen noch immer am Po –
Und können den Adel nicht finden.


Hoffmann von Fallersleben,1798 - 1874



Photo by sarandy westfall on Unsplash

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Es ist ein eigen Ding

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Es ist ein eigen Ding


Es ist ein eigen Ding,
Zu sitzen und zu lauschen,
Wenn draußen vor der Tür
Die schwarzen Tannen rauschen,
Wenn Tropf' auf Tropfen klingt
Hernieder von dem Dach,
Und jeder leise Klang
Ein altes Bild ruft wach;
Wenn von dem Bergeshang
Den Schnee die Windsbraut fegt,
Und auf dein träumend Herz
Die Hand die Liebe legt.
Das Feuer schilt und murrt,
Im Winkel pickt die Uhr,
Träumend der Jagdhund knurrt,
Verweht wird jede Spur
Von deinem Fuß da drauß',
Da draußen in dem Schnee,
Nun ist die Welt dein Haus...



Wilhelm Raabe, 1831 - 1910



Photo by Zachary Kyra-Derksen on Unsplash

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Vetraut

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Vertraut 

Bist du manchmal auch verstimmt,
Drück dich zärtlich an mein Herze,
Daß mir's fast den Atem nimmt,
Streich und kneif in süßem Scherze,
Wie ein rechter Liebestor
Lehn ich sanft an dich die Wange
Und du singst mir fein ins Ohr.
Wohl im Hofe bei dem Klange
Katze miaut, Hund heult und bellt,
Nachbar schimpft mit wilder Miene –
Doch was kümmert uns die Welt,
Süße, traute Violine!


Joseph von Eichendorff, 1788 - 1857




Photo by MChe Lee on Unsplash


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Eine schwarze Katze

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Eine schwarze Katze


Eine schwarze Katze kauert vor meiner Tür,
Eine kleine, schwarze, kurzgeschorene Katze;
Ich komme nach Hause, und mit einem Satze,
Wie ich aufschließe, springt sie herein zu mir.

Was will die kleine, schwarze Katze bei mir?
Wär es ein Hündchen, ich wüßte es zu verstehen;
Ein Frauenhündchen, ich weiß damit umzugehen.
Die Katze ist mir ein völlig fremdes Tier

Sie ist die Seele von meinem Spiritus
Familiaris. Er hat sich umgebrungen.
Die schwarze Katze kommt zu mir hereingesprungen,
Weil sie doch irgendwo übernachten muß.




Frank Wedekind (1864 - 1918), deutscher Journalist und Dramatiker








Katzenaquarell ©veredit_isabella.kramer www.veredit-art.blogspot.de


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Im Tierkostüm

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Im Tierkostüm

Palmström liebt es, Tiere nachzuahmen,
und erzieht zwei junge Schneider
lediglich auf Tierkostüme.

So z.B. hockt er gern als Rabe
auf dem oberen Aste einer Eiche
und beobachtet den Himmel.

Häufig auch als Bernhardiner
legt er zottigen Kopf auf tapfere Pfoten,
bellt im Schlaf und träumt gerettete Wanderer.

Oder spinnt ein Netz in seinem Garten
aus Spagat und sitzt als eine Spinne
tagelang in dessen Mitte.

Oder schwimmt, ein glotzgeäugter Karpfen,
rund um die Fontäne seines Teiches
und erlaubt den Kindern ihn zu füttern.

Oder hängt sich im Kostüm des Storches
unter eines Luftschiffs Gondel
und verreist so nach Ägypten.





Christian Morgenstern, 1871 - 1914









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Vom unordentlichen Max

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Vom unordentlichen Max

Max war sehr unordentlich.
Seine Sachen legt er sich
Nie zurecht, nie abends nett
Seine Kleider vor das Bett.

Nichts, nichts lag an seinem Ort,
Ausgestreut lag′s hier und dort.
Hier der eine Strumpf, bei Seite
Auf der Erde lag der zweite.

Hinter′m Ofen lag ein Schuh,
Seine Höschen auch dazu,
Und der and′re Schuh, er stand
Wo der Rock lag, an der Wand.

Aber seht nur, Kinder, seht,
Wie es ihm des Morgens geht!
Vater nimmt die Kleider bunt,
Zieht sie an dem großen Hund!

Zieht ihm an den Rock so warm,
Und die Hos′, und untern Arm
Steckt er ihm die Mappe. Ah!
Max steht noch im Hemde da!

Und was will der Vater nun,
Was der kleine Max soll tun?
In die Schule muß der Max
Gehen mit dem Hunde stracks.

Seht nur den Max liederlich
In dem Hemd! Wie schämt er sich!
Doch der Hund geht stolz einher,
Als ob er ein Schüler wär′!




Adolf Glaßbrenner





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Moderne Lebensweisheit - eine Epistel

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Moderne Lebensweisheit

[Eine Epistel]

Komm' her, mein Sohn, ich will dich Weisheit lehren:
Zuerst vor allem ist es deine Pflicht,
Du mußt den König und die Kirche ehren,
Denn ohne diese beiden geht es nicht. 
Dann mußt du mit der Polizei dich stellen

Auf guten Fuß – und mit den Hunden bellen
Nach Hundeart – doch darfst du unterdessen
Zurzeit dabei das Wedeln nicht vergessen. 
Fehlt auch der Schwanz, man kann es so schon machen
Und sichert sich dabei recht schöne Sachen

An Gunst und Geld, du siehst es ja bei mir. 
Zum Muster nimm dir auch das Schneckentier 
Durch Überhastung schadet man sich viel 
Wo du nicht geh'n kannst, kriech' gemach zum Ziel. 
Auch übe dich recht fleißig im Lavieren 

Dreht sich der Wind – du mußt es gleich verspüren
Und dich mitdreh'n – oft hält dies sehr genau 
Sei nicht zu hitzig, doch auch nicht zu lau. 
Hab' nie 'ne Meinung, die verstößt nach oben,
Und sei gewandt im Tadeln und im Loben,

Ganz selbstverständlich, wo's am Platze ist. 
Daß du dich stets gerierst als guter Christ,
Als Patriot und stramme Ordnungsstütze,
Ist unerläßlich und zu vielem nütze. 
Dann noch, mein Sohn, beherzige die Lehr':

Laß es an Lust und Müh' dir nicht verdrießen 
Der Anfang ist in allen Dingen schwer 
Sei nur beharrlich und du wirst genießen
Gar reichen Lohn, wenn erst die Ernte reif. 
Wahr' stets den Schein – doch auf die Skrupeln pfeif,

Denn was man so im Leben nennt Gewissen,
Ist für die Dummheit gut – drum sei beflissen,
Das Ding den andern fleißig vorzuführen,
Dich selber darf's in keinem Fall genieren,
Emporzuklimmen auf der Lebensbahn 

Das Wörtchen ›Ehre‹ ist ein bloßer Wahn. 
Anseh'n ist gut – doch besser ist das Geld,
Und bist du erst zur Million geschnellt,
Ich sag' es dir zu deinem Nutz und Frommen,
So werden leicht noch Millionen kommen,

Und alles and're kommt von selbst mit an: 
Die Titel, Orden und der Ehrenmann 
Magst du auch im geheimen drüber lachen 
Es hält die Welt gar viel auf solche Sachen. 
Du aber, Sohn, beherzige zum Schluß

Die Quintessenz von meinem ganzen Rat:
Der Weisheit A und O ist der Genuß 
Nach uns die Sündflut und – der Zukunftsstaat. 



Heinrich Kämpchen, 1847 - 1912




Photo copyright: Isabella Kramer
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Der Mond

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Der Mond

Und grämt Dich, Edler, noch ein Wort
Der kleinen Neidgesellen?
Der hohe Mond, er leuchtet dort
Und läßt die Hunde bellen
Und schweigt und wandelt ruhig fort,
Was Nacht ist, aufzuhellen.





Johann Gottfried von Herder, 1744 - 1803






Foto copyright: Isabella Kramer


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Es sitzen Möpse

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Es sitzen Möpse gern auf Mauerecken,
die sich ins Straßenbild hinaus erstrecken,

um von sotanen* vorteilhaften Posten
die bunte Welt gemächlich auszukosten.

O Mensch, lieg vor dir selber auf der Lauer,
sonst bist du auch ein Mops nur auf der Lauer.



Christian Morgenstern 



*sotanen ist ein veraltetes Wort für solch, -en, so beschaffen

Photo copyright: Isabella Kramer

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Ohne Feindschaft

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Ohne Feindschaft

Meinem Hunde rief ich zu,
Höre: gut sei und gescheit,
Kätzchen ist ein Tier wie du,
Also tue ihm kein Leid.

Und dem Kätzchen rief ich zu,
Höre: gut sei und gescheit,
Mäuschen ist ein Tier wie du,
Also tue ihm kein Leid.

Und so leben wir im Haus
Friedlich teilend manch Gericht,
Ich, mein Hund, und Katz' und Maus,
Nur die Menschen lernen's nicht!

Finken auch dem Fenster nahn,
Speisen mit in Sang und Sing,
Nachbarn freilich, die es sahn,
Nennen mich den Sonderling.



Emil Claar, 1842 - 1930




Gemälde copyright: Isabella Kramer


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Schnauz und Miez

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Schnauz und Miez

Ri-ra-rumpelstiez,
wo ist der Schnauz, wo ist die Miez?
Der Schnauz, der liegt am Ofen
und leckt sich seine Pfoten.
Die Miez, die sitzt am Fenster
und wäscht sich ihren Spenzer.
Rumpeldipumpel, schnaufeschnauf,
da kommt die Frau die Treppe ‚rauf.
Was bringt die Frau dem Kätzchen?
Einen Knäul, einen Knäul, mein Schätzchen,
einen Knäul aus grauem Wollenflaus,
der aussieht wie eine kleine Maus.
Was bringt die Frau dem Hündchen?
Ein Halsband, mein Kindchen,
ein Halsband von besondrer Art,
auf welchem steht: Schnauz Schnauzebart.
Ri-ra-rumpeldidaus,
und damit ist die Geschichte aus.



Christian Morgenstern







Gemälde: Girl with red Dress - Ammi Philips 1788 - 1865 Wikimedia Commons


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Der Herbsthund

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Der Herbsthund


Der Herbsthund, der im Walde lebt
– Aus lauter dürrem Laub sein Fell –
Er füllt, wenn Blatt um Blatt verschwebt,
Die Luft mit heiserem Gebell.

Er sitzt und kläfft die Bäume an,
Bis jeder ihm sein Laub beläßt,
Und springt in seinem irren Wahn
Von Nord nach Süd, von Ost nach West.

Der Herbsthund, der im Walde wohnt,
Er heult oft fort die ganze Nacht,
Indeß sein bleicher Freund, der Mond,
Durch immer kahlres Astwerk lacht.

Und wer den Herbsthund je gesehn,
Dem wird nicht wohl mehr auf der Welt:
Er muß durch welke Blätter gehn,
Bis ihm der Hund des Todes bellt.






Ludwig Scharf, 1864 - 1938




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