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Verzeihlich

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Verzeihlich

Er ist ein Dichter; also eitel.
Und, bitte, nehmt es ihm nicht krumm,
Zieht er aus seinem Lügenbeutel
So allerlei Brimborium.

Juwelen, Gold und stolze Namen,
Ein hohes Schloß, im Mondenschein
Und schöne, höchstverliebte Damen,
Dies alles nennt der Dichter sein.

Indessen ist ein enges Stübchen
Sein ungeheizter Aufenthalt.
Er hat kein Geld, er hat kein Liebchen,
Und seine Füße werden kalt.


Wilhelm Busch, 1832 - 1908





Photo copyright: Isabella Kramer

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Die beiden Vulkane

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Die beiden Vulkane


Im weißen Haar und Bart

Hab' ich die Glut bewahrt:

Wie Gott der Herr erschuf

In Welschland den Vesuv:

Im Herzen Brand, am Haupte Schnee,

Zuweilen thut's den beiden weh:

Der eine bricht in Lava aus,

Beim andern werden Verse draus.




Felix Dahn, 1834 - 1912





Foto von Toby Elliott auf Unsplash




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Die Liebestat

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Die Liebestat

Dürftig das Dörfchen, dürftig das Feld,
ein einsamer Baum drauf Wache hält.
Nie hielten sich Zwei in seinem Schatten umpreßt,
nie baute ein Vöglein bei ihm sein Nest.
Auf steinigem Grund lag die Wurzel krank
und wußte dem Dasein wenig Dank.
Es zogen Lenze auf Lenze vorbei,
doch den kranken Baum verschönte kein Mai.
Das bläßliche Haupt zur Erde gesenkt,
glich er dem Bettler, der an sein Elend denkt.

Da, eines Abends wars zur Frühlingszeit,
kam langsam übern Weg ein junger Mensch,
mit Augen weit und voller Herrlichkeit.
Er sah das öde Feld, den Baum, den kranken,
die Zweige, die so ärmlich dürr und nackt,
und sann, von einem strahlenden Gedanken,
von einer göttlichen Idee gepackt.
Der Baum sah still den Mann vorübergehen.

Und einmal nahten viele, viele Menschen,
und drängten heimlich staunend sich um ihn,
als wär ein hohes Wunder hier geschehen.
Und rührige Hände spendeten ihm Trank,
und lockerten das Erdreich um ihn her,
und gruben, hackten, bis er glatt und schlank.
Der Baum, erschüttert bis ins tiefste Mark,
sah selig staunend diese fremden Gäste,
er fühlte sich mit einem Male stark,
und streckte, dehnte seine hagern Äste.
Vor Freude ward er blühend ...

Eines Morgens
erlebte er das schönste Frühlingsfest:
Zwei Vöglein drangen in sein dichtes Laub,
und bauten sich an seiner Brust ihr Nest.
Weit in die Winde seine Flocken streuend,
daß alle, die ihn sahn, vor Freude lachten,
besann er sich: wie ward mir solches Heil,
mir, dem Verkümmerten, mir, dem Verachten?
Ein heilig Dichterauge, weich und stolz,
hat dich erblickt und Wunder sprießen lassen,
o Baum, aus deinem halbverdorrten Holz!


Maria Janitschek, 1859 - 1927



Photo copyright: Isabella Kramer

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Ostergedicht

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Ostergedicht

Wenn die Schokolade keimt,
wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
›Glockenklingen‹ sich auf ›Lenzesschwingen‹
endlich reimt,
und der Osterhase hinten auch schon presst,
dann kommt bald das Osterfest.

Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzesschwingen, – – –
dann mit jenen Dichterlingen
und mit deren jugendlichen Bräuten
draußen schwelgen mit berauschten Händen – – –
ach, das denk ich mir entsetzlich,
außerdem – unter Umständen –
ungesetzlich.

Aber morgens auf dem Frühstückstische
fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingwärme
durch geheime Gänge und Gedärme
in die Zukunft zieht,
und wie dankbar wir für solchen Segen
sein müssen.
Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
die so langgezogene Kugeln legen.
– – –


Joachim Ringelnatz, 1883 - 1934





Photo Copyright: Isabella Kramer






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Das Gespenst

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Das Gespenst

Ein Hauswirt, wie man mir erzählt,
Ward lange Zeit durch ein Gespenst gequält.
Er ließ, des Geists sich zu erwehren,
Sich heimlich das Verbannen lehren;
Doch kraftlos blieb der Zauberspruch.
Der Geist entsetzte sich vor keinen Charakteren
Und gab, in einem weißen Tuch,
Ihm alle Nächte den Besuch.

Ein Dichter zog in dieses Haus.
Der Wirt, der bei der Nacht nicht gern allein gewesen,
Bat sich des Dichters Zuspruch aus
Und ließ sich seine Verse lesen.
Der Dichter las ein frostig Trauerspiel,
Das, wo nicht seinem Wirt, doch ihm sehr wohl gefiel.

Der Geist, den nur der Wirt, doch nicht der Dichter sah,
Erschien, und hörte zu; es fing ihn an zu schauern;
Er konnt' es länger nicht als einen Auftritt dauern;
Denn, eh' der andre kam, so war er nicht mehr da.
Der Wirt, von Hoffnung eingenommen,
Ließ gleich die andre Nacht den Dichter wiederkommen.
Der Dichter las; der Geist erschien,
Doch ohne lange zu verziehn.
"Gut!" sprach der Wirt bei sich, "dich will ich bald verjagen;
Kannst du die Verse nicht vertragen?"

Die dritte Nacht blieb unser Wirt allein.
Sobald es zwölfe schlug, ließ das Gespenst sich blicken;
"Johann!" fing drauf der Wirt gewaltig an zu schrein,
"Der Dichter (lauf geschwind!) soll von der Güte sein
Und mir sein Trauerspiel auf eine Stunde schicken."
Der Geist erschrak und winkte mit der Hand,
Der Diener sollte ja nicht gehen.
Und kurz, der weiße Geist verschwand
Und ließ sich niemals wieder sehen.

Ein jeder, der dies Wunder liest,
Zieh' sich daraus die gute Lehre,
Daß kein Gedicht so elend ist,
Das nicht zu etwas nützlich wäre.
Und wenn sich ein Gespenst vor schlechten Versen scheut,
So kann uns dies zum großen Troste dienen.
Gesetzt, daß sie zu unsrer Zeit
Auch legionenweis' erschienen:
So wird, um sich von allen zu befrein,
An Versen doch kein Mangel sein.


Christian Fürchtegott Gellert, 1715 - 1769




Photo by Stefano Pollio on Unsplash



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Der Mond

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Der Mond

Guten Abend, du Rundgesicht,
Hüter der weidenden Sterne,
Nächtlicher Langfinger Arbeitslicht,
Heimliche liebe Laterne!

Hast mir so oft zum Stelldichein
Still und verschwiegen geleuchtet,
Sahest mit himmlischer Milde drein,
Wenn ich dir reuig gebeichtet.

Habe an dir in Gram und Leid
Stets einen Tröster gefunden,
Oft auch bist du zur rechten Zeit
Hinter den Wolken verschwunden.

Gälte ich etwas bei dem, der thront
Über den rollenden Welten,
Wollt' ich dir gerne, du treuer Mond,
All' deine Dienste vergelten.

Über den Mond ein Lächeln ging,
Leise hat's mir geklungen:
Willst du mir danken, o Dichterling,
Lasse mich unbesungen.




Rudolf Baumbach, 1840-1905






Photo copyright: Isabella Kramer

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Winterschlaf

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Winterschlaf

Indem man sich nunmehr zum Winter wendet,
Hat es der Dichter schwer,
Der Sommer ist geendet,
Und eine Blume wächst nicht mehr.


Was soll man da besingen?
Die meisten Requisiten sind vereist.
Man muß schon in die eigene Seele dringen
- Jedoch, da haperts meist.


Man sitzt besorgt auf seinen Hintern,
Man sinnt und sitzt sich seine Hose durch,
- Da hilft das eben nichts, da muß man eben überwintern
Wie Frosch und Lurch.


 Klabund, 1890 - 1928





Gemälde copyright: Isabella Kramer


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Gegenseitige Bewirtung

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Gegenseitige Bewirthung


Erst brachte seinem Schiller Goethe
Das derb materiell Concrete:
Das sollt' ihm stärken Leib und Seele;
Doch würgt' es hart ihn in der Kehle,
Was Niemand leichtlich wohl vermeidet,
Wenn er die Krebs' in Viertel schneidet.

Dann brachte Schiller das Abstracte,
Auch das Verzwickte, das Vertrakte.
Da schnitt nun Goethe viel Grimassen:
Doch wußt' er sich ein Herz zu fassen.
Konnt' es dem Gaumen nicht behagen,
Verdaut' er's doch mit tapferm Magen.

So lebten sie, in solchem Handel,
Friedlich beisammen ohne Wandel:
Nie sah man zu der Welt Gedeihen
Sich edle Geister so casteien.
Laß, Publicum, dich's nicht verdrießen!
Du mußt die Qual nun mitgenießen.




August Wilhelm von Schlegel





Photo copyright: Isabella Kramer
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An den Mond




An den Mond

Längst, du freundliches Nachtgestirn,
Ist dein Geheimnis verweht.
Erkenntnisstolz blickt der Knabe schon
Zu dir empor,
Denn verfallen bist du, wie alles jetzt,
Der Wissenschaft,
Die deine Höhen und Tiefen mißt –
Und wer weiß, ob du nicht endlich doch noch
Erstiegen wirst auf der Münchhausenleiter
Der Hypothesen.

Dennoch, du alter, treuer Begleiter der Erde,
Webt und wirkt dein alter Zauber fort,
Wenn du, Aug' und Herz erfreuend, emportauchst
Mit dem sanftschimmernden Menschenantlitz
Und seligen Frieden gießest
Über tagmüde Gefilde.
Noch immer, wachgeküßt von deinem Strahl,
Seufzt Liebe zu dir hinan –
Und immer noch, ach! besingen dich Dichter.



Ferdinand von Saar, 1833-1906




Foto copyright: Isabella Kramer
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von Weihnachtsmäusen

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Von Weihnachtsmäusen


von Weihnachtsmäusen
schrieb James Krüss*,
entlarvte ihre Spuren.
Advent ist ihre Hochsaison
exakt, wie Schweizer Uhren.


Nie sah man sie von Angesicht,
einzig die Nagereste.
So zahlreich ihre Gattung ist,
so heimlich ihre Feste.


Sie gibt es nur zur Weihnachtszeit
in Stuben, Küchen, Kellern,
mit Keksen, Kringeln, Schokowerk.
 Man sieht‘s an leeren Tellern.


Der Dichter wusste wohl Bescheid,
bestimmt aus der Erfahrung.
Sah er die Maus? Er sagt es nicht.
denn Fantasie braucht Nahrung …







veredit©Isabella Kramer 2011






Safe Creative #1112040664063



 * "Die Weihnachtsmaus" ist ein Gedicht von James Krüss


Gemälde copyright: Isabella Kramer 


auch enthalten im neuen Gedichteband "Kinder-Gedichte-Welt" erhältlich über mich oder via blurb.de 


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