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Lieben

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Lieben

Ob du's noch denkst, daß ich dir Äpfel brachte
und dir das Goldhaar glatt strich leis und lind?
Weißt du, das war, als ich noch gerne lachte,
und du warst damals noch ein Kind.

Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte
ein junges Hoffen und ein alter Gram ...
Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante
den ›Werther‹ aus den Händen nahm.

Der Frühling rief. Ich küßte dir die Wangen,
dein Auge sah mich groß und selig an.
Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen,
und Lichter gingen durch den Tann ...


Rainer Maria Rilke, 1875 - 1926






Photo copyright: 
Isabella Kramer


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Des Königs Gunst

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Des Königs Gunst


Palemon, der besitzt des Königs Gunst und Ohr.

Ich folgt' ihm durch den Saal bis an des Palasts Tor.

Ich hust', er sieht sich um, ich neige mich, er lacht.

"Ich habe gestern noch", sagt er, "an ihn gedacht."

Ich glaub' es ohne sein Vermessen

Und find' es in der Tat,

Daß er sich meiner hatt'

Erinnert, um mich zu vergessen.


Christian Wernicke, 1661 - 1725








Photo copyright: 
Isabella Kramer

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Den Fluss hinab

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Den Fluß hinab

Im Mittagsschein
fahr ich im Boot allein
den Fluß hinab, der mit mir sinnt und träumt.
Kein Laut im Kreis;
der Kiel gluckst schläfrig, leis;
von Linden ist das Ufer hoch umsäumt.

Der Sonne Glut
strahlt wider aus der Flut
mit Bäumen, deren Kronen abwärts stehn.
Im Fluß erhellt
sich eine Spiegelwelt,
wieviel auch Wellen kommen und vergehn.

Metallen blank,
stahlblau und zierlich schlank
fliegt die Libelle auf der Spiegelung.
So leichtbeschwingt,
von Sonnengold umringt,
flog meine Seele einst, sehnsuchtsvoll, jung.

Zu jung vielleicht,
getäuscht, enttäuscht so leicht,
genoß sie Hoffnung nur, wenn sie genoß;
verfolgte wild
ihr eignes Spiegelbild
in einer Welt, die wie ein Fluß zerfloß.



Eduard Stucken, 1865 - 1936




Photo copyright: Isabella Kramer



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Der erste Schnee

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Erster Schnee


Aus silbergrauen Gründen tritt

ein schlankes Reh

im winterlichen Wald

und prüft vorsichtig, Schritt für Schritt,

den reinen, kühlen, frischgefallnen Schnee.


Und Deiner denk' ich, zierlichste Gestalt.



Christian Morgenstern,  1871 - 1914






Foto von unsplash 





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Alte Worte

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Alte Worte


Greise sinnen.
Eine große graue Spinne.
Netze schleiern,
Fäden rinnen.

Die Jahrhundert grauen Wälder
Tragen ernst den alten Himmel,
Und verdorrte, alte Lippen
Nippen an dem kalten Horte
Längst verglühter alter Worte.




Max Dauthendey, 1867 - 1918






Gemälde copyright: 
Isabella Kramer 


Bitte beachten Sie das Urheberrecht: Copyright Texte, Fotos und Graphiken = Isabella Kramer, veredit - wenn nicht anders erwähnt. Auch für private Homepages dürfen diese Texte, Fotos und Graphiken nicht ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis verwendet werden! Wenn Sie meine Gedichte oder Bilder verwenden wollen, fragen sie mich bitte. 
Kontakt über email: vere_dit@yahoo.de

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Es ist ein eigen Ding

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Es ist ein eigen Ding


Es ist ein eigen Ding,
Zu sitzen und zu lauschen,
Wenn draußen vor der Tür
Die schwarzen Tannen rauschen,
Wenn Tropf' auf Tropfen klingt
Hernieder von dem Dach,
Und jeder leise Klang
Ein altes Bild ruft wach;
Wenn von dem Bergeshang
Den Schnee die Windsbraut fegt,
Und auf dein träumend Herz
Die Hand die Liebe legt.
Das Feuer schilt und murrt,
Im Winkel pickt die Uhr,
Träumend der Jagdhund knurrt,
Verweht wird jede Spur
Von deinem Fuß da drauß',
Da draußen in dem Schnee,
Nun ist die Welt dein Haus...



Wilhelm Raabe, 1831 - 1910



Photo by Zachary Kyra-Derksen on Unsplash

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Die blaue Hortensie

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Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rau,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau.

Verwaschnes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuern
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.


Rainer Maria Rilke, 1875 - 1926



Gemälde copyright: Isabella Kramer 


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Wunder

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Wunder

Daß die Lerchen wieder singen,
Daß sich Schmetterlinge schwingen,
Gelb und schwarz mit goldnem Saum,
Daß sich grüne Gräser treiben,
Auch nicht eins zurück will bleiben,
Man glaubt es kaum.

Daß sie bricht, die starre Binde,
Daß die lauen Abendwinde
Knospen zieh'n aus Busch und Baum,
Daß die Amsel tiefe, volle
Töne durch die Wälder rolle,
Man glaubt es kaum.

Daß man durch die Luft, so milde,
Kinderschaaren, liebe wilde,
Jauchzen hört im fernen Raum –
Lang im dumpfen Haus gesessen,
Aber schnelle, schnell vergessen –
Man glaubt es kaum.

Und es will mich immer fragen,
Mir in's Ohr ein Wörtlein sagen,
Und es ist mir wie im Traum,
Daß ich selbst vor Jahren, Jahren
Spielte mit den Kinderschaaren,
Man glaubt es kaum.



Friedrich Theodor von Vischer, 1807 - 1887



Gemälde copyright: Isabella Kramer 


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Regen

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Regen

Da draußen regnet es weit und breit.
Es regnet graugraue Verlassenheit.
Es plaudern tausend flüsternde Zungen.
Es regnet tausend Erinnerungen.
Der Regen Geschichten ums Fenster rauscht.
Die Seele gern dem Regen lauscht.

Der Regen hält dich im Haus gefangen.
Die Seele ist hinter ihm hergegangen.
Die Insichgekehrte ist still erwacht,
Im Regen sie weiteste Wege macht.
Du sitzt mit stummem Gesicht am Fenster,
Empfängst den Besuch der Regengespenster.


Max Dauthendey, 1867 - 1918, deutscher Dichter und Maler




Photo by Alex Motoc on Unsplash


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Weiße Wolken

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Weiße Wolken

Weiße Wolken gehn im Blauen;
als, ein Kind, im Gras ich lag,
liebt' ich's ihnen nachzuschauen,
träumte einen schönen Tag.

Weiße Wolken wandern immer,
und ich freu, ein alter Mann,
mich an ihrem lichten Schimmer,
denk an meine Jugend dann.

Weiße Wolken werden wandern,
wenn ich lange nicht mehr bin;
träumt ein Hügel unter andern,
und sie ziehen oben hin.

Gustav Falke, 1853 - 1916





Photo copyright: Isabella Kramer
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Erinnern

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Erinnern

wächst auf diesen
Wildblumenwiesen
und fast vergessene Kindheitsbilder
folgen jenen fernen Bergen

jetzt keine Angst
der nächste Vers handelt
ganz sicher nicht von Zwergen
 
doch in den sprudelnd
kristallklaren Bächen
die murmelnd säumen
somm‘rig braune Wege

lässt‘s sich mit bloßen Füßen
so herrlich plantschen
und glitzernde Fontänen
spritzen auf dicht an dicht

in rosa, blau und gelb
getupfte Flächen,
dass ganze Falterschwärme stoben
gleich bunten Elfenträumen

und unter den Kastanienbäumen
da liegen wir nun wieder
staunen den Wolkenriesen nach
die fliegend Formen wandeln

vom Drachen bis zu
zwei verschlungenen Herzen  -
das nehmen wir als Zeichen

Erinnern wächst auf diesen
Wildblumenwiesen







Photo copyright: Isabella Kramer


auch enthalten im neuen Gedichteband "Kinder-Gedichte-Welt" erhältlich über mich oder via blurb.de 


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Der Herbst

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Der Herbst

Dies ist der Herbst:
der – bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!
Die Sonne schleicht zum Berg
Und steigt und steigt
Und ruht bei jedem Schritt.

Was ward die Welt so welk!
Auf müd gespannten Fäden spielt
Der Wind sein Lied.
Die Hoffnung floh –
Er klagt ihr nach.

Dies ist der Herbst:
der – bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!
O Frucht des Baums,
Du zitterst, fällst?
Welch ein Geheimnis lehrte dich
Die Nacht,
Daß eisiger Schauder deine Wange,
Die Purpur-Wange deckt? –

Du schweigst, antwortest nicht?
Wer redet noch? – –

Dies ist der Herbst:
der – bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!
Ich bin nicht schön
– so spricht die Sternenblume –,
Doch Menschen lieb ich
Und Menschen tröst ich –

Sie sollen jetzt noch Blumen sehn,
Nach mir sich bücken
Ach! und mich brechen –
In ihrem Auge glänzet dann
Erinnerung auf,
"Erinnerung an Schöneres als ich: –
– ich seh's – und sterbe so." –

Dies ist der Herbst:
der – bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!




Friedrich Wilhelm Nietzsche, 1844 - 1900




Foto copyright: Isabella Kramer

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Aus der Ferne ...

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Aus der Ferne …



Und wenn du groß bist – nein, du wirst's nicht wissen,
Wie ich's so gut, so gut mit dir gemeint,
Wie dieses stolze Aug' in heiße Kissen
So oft in Sehnsucht hat um dich geweint.
Ich möcht' die Ruh' nicht deines Herzens stören –
Ich bin ja tot … verreist … ich weiß es nicht!
Könnt' ich nur einmal noch dein Stimmchen hören:
"Papa, Papa!" … O Gott, ein andrer flicht
Dir nun den Frühlingskranz von Anemonen,
Erzählt dir Märchen vom kristallnen Berg,
Vom groben Riesen und vom schlauen Zwerg
Und von dem Schloß, darin die Elfen wohnen …
Ach, könnt' ich dann nur still durchs Zimmer gehn,
Den Märchenglanz in deinen Kinderblicken,
Die heißerglühten Bäckchen nur zu sehn,
Und leis den Mund auf deinen Scheitel drücken …
Ich schlich' mich heimlich, wie ein böser Dieb,
An dir vorbei, dir keinen Traum zu trüben –
Weißt du's denn noch, ich hatt' dich einst so lieb …
Fühlst du's denn nicht: ich werd' dich immer lieben!





Rudolf Presber, 1868 - 1935




photo copyright: Isabella Kramer

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Als Großmama ein Mädchen war

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Als Großmama ein Mädchen war,
so jung als wie wir beide,
da trug sie langes Lockenhaar
und ging im Mädchenkleide.
Und bunte Bände eine Flut
trug Großmama im Zopfe,
und ein ganz riesenrunder Hut,
der saß ihr auf dem Kopfe.
Und sagt sie uns von all der Zeit,
von der wir nur gelesen,
so scheint die ganze Herrlichkeit
ganz wirklich wahr gewesen. 
Nur eines ist uns nicht ganz klar,
daran zweifeln wir doch beide:
dass Großmama ein Mädchen war
und ging im Mädchenkleide.





Manfred Kyber, 1880 - 1933





Gemälde - Wikimedia commons: , Charles Léandre (1862-1934) - Porträt der Mademoiselle Sybille Achard de Bonvouloir 1900

Kindheit

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Es wäre gut viel nachzudenken, um
von so Verlornem etwas auszusagen,
von jenen langen Kindheit-Nachmittagen,
die so nie wiederkamen - und warum?

Noch mahnt es uns -: vielleicht in einem Regnen,
aber wir wissen nicht mehr was das soll;
nie wieder war das Leben von Begegnen,
von Wiedersehn und Weitergehn so voll

wie damals, da uns nichts geschah als nur
was einem Ding geschieht und einem Tiere:
da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre
und wurden bis zum Rande voll Figur.

Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt
und so mit großen Fernen überladen
und wie von weit berufen und berührt
und langsam wie ein langer neuer Faden
in jene Bilder-Folgen eingeführt,
in welchen nun zu dauern uns verwirrt.



Rainer Maria Rilke






Aus:Neue Gedichte







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Traumfolgen

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traumfolgen


ein netz aus schatten hat die nacht gewoben
drin baumeln zeichen, sind aus kaltem glas,
berührt dein finger diese glatten wesen
ertönen sphärenklänge, klingen lange nach.


ein windhauch hat schimärenhaft zerstoben
die schattenzeichen netz und glattes glas,
nur die musik, aus lichten wunderklängen,
vibrierte noch, als längst der tag anbrach.












Photo copyright: Isabella Kramer









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Die Zwerge von Pinneberg

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»In Pinneberg eine Hochzeit ist, auf auf, ihr lustigen Geister!
Flink hin, wo's was zu essen gibt, wir sind Schnablierens Meister!«
»Ja!« rief das sämtliche Gezwerg,
»Nach Pinneberg - nach Pinneberg!«
Mit feinen Stimmchen: »Pinneberg!«
Mit gröberen - »Nach Pinneberg!
Ja Pinneberg!
Nach Pinneberg!«

Die Gäste sitzen schon am Tisch und denken nun zu schmausen;
Doch zwischen hockt das Geistervolk, und flink beginnt das Mausen.
Kehrt sich ein Gast zur Nachbarin,
Schlipp schlapp, ist seine Suppe hin!
Es fasst es kein Verstand und Sinn,
Er sieht sich um, wo ist sie hin?
Wo ist sie hin,
Wo ist sie hin?

Es sind die Zwerge nicht zu sehn, sie haben Nebelkappen,
Sie drehen, wenden, ducken sich, man kann sie schwer ertappen.
Sie höhlen aus den ganzen Fisch,
Sie ziehen aus der Gans den Wisch,
Sie langen das Konfekt vom Tisch,
Sie trinken aus den Gläsern frisch
Wein und Gemisch
Verschwenderisch!

Der Tanz beginnt, man steht nun auf, die Gäste sind noch nüchtern,
Es knurrt der Magen, und man war im Nehmen doch nicht schüchtern!
Doch, kam auch noch soviel herein,
Gleich war das Zwergvolk hinterdrein,
Weg war sogleich Bier, Met und Wein,
Im Nu auch jeder Teller rein
Von Leckerein Und Näscherein!

Die Gäste sind zum Tanz so leicht, als war' es vor dem Speisen.
Hei! wie gelang den Paaren es, im Saal herum zu kreisen!
Doch bald erhebt ein Stäuben sich
So mächtiglich und fürchterlich,
Als tanzte hier unsichtbarlich
Der Püsterich mit Alberich
Und Alberich
Mit Kalberich.

Und sieh! so war's; die Zwerge sind vom vielen Wein betrunken:
Da wird im Saal herumgeschleift, gehumpelt und gehunken!
Den einen juckt so weit die Haut,
Er küsst beherzt die schöne Braut,
Und was der eine sich getraut,
Getraut sich alles böse Kraut:
Es graut der Braut,
Die fühlt, nicht schaut.

Den Bräutigam verdrießt das Ding: er schlägt um sich im Zorne
Und trifft, da fliegt ein Käppchen ab dem einen Zwerg von vorne.
Das fängt der Bräutigam sodann
Und sieht nunmehr den kleinen Mann,
Der aber blickt ihn bittend an
Und weint, so sehr man weinen kann:
»Sei kein Tyrann!
Lass los den Bann!«

»Halt fest!« rief da ein Gast ihm zu, »dann kommen andre Zwerge,
Die bringen dir zum Lösegeld viel Schönes aus dem Berge.
So! kneif ihn recht! dann schreit er sehr,
Da kommen Zwerge mehr und mehr:
Sieh! keiner hat die Hände leer,
Und alle tragen Schätze schwer;
Sie keuchen sehr: Kneif ihn noch mehr!«

Wie mühsam kommt nun einer an mit einer goldnen Kette
Und fleht der schönen Braut, dass sie den Kameraden rette.
Die Braut, zufrieden mit dem Kauf,
Setzt nun dem Schelm sein Käppchen auf,
Gibt einen Kuss ihm obenauf
Und sagt: »Nun, armer Schelm, nun lauf.
Lauf Zwergehauf,
Den Berg hinauf!«

Da lief, so schnell es konnte, fort das ganze Volk der Zwerge
Und zankte sich noch lange Zeit, man hört es tief im Berge.
Sie sagten: »Nie nach Pinneberg -
Spricht einer noch von Pinneberg,
Den schicken wir nach Pinneberg,
Und lassen ihn in Pinneberg!
In Pinneberg,
In Pinneberg.«

Der Braut zu Füßen aber liegt der Saal gehäuft voll Schätze,
Und jeder Gast empfängt ein Stück, dass er sich dran ergötze.
Aufs neu' beginnt das ganze Fest;
Und da nun fort das Wespennest,
Ein jeder sich's auch schmecken lässt,
Was man ihm bringt aus Ost und West,
Und hält es fest
Bis auf den Rest.





August Kopisch, 1799-1853










 Bild: Burleskes Fest von Jan Mandijn - 1550




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Bei der Großmutter - Julius Sturm





Wie traulich ist's im stillen Zimmer,
Die Uhr tickt heimlich auf dem Schrank,
Um Blumen spielt der Sonne Schimmer,
Und Tisch und Bank sind spiegelblank.

Im weichen Lehnstuhl sitzt das alte,
Schier achtzigjährige Mütterlein,
Auf welker Stirne Falt' an Falte,
Doch in den Augen Sonnenschein!

Vertraulich schmiegt sich ihrem Schoße
Ein blühend Kinderpärchen an,
Dem sie das Bilderbuch, das große,
Auf vieles Bitten aufgetan.

Nun blühen Märchen aus dem Munde,
Wie Rosen aus dem Dorn erblüh'n,
Die Kleinen lauschen still der Kunde,
Und ihre vollen Wangen glüh'n.

's ist nur ein Bild, doch füllt es immer
Die Augen mir mit Tränentau,
Mir ist, als kennt ich dieses Zimmer,
Die Kinder und die alte Frau.



Julius Karl Reinhold Sturm





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Verschüttet

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            Sirenen heulen auf und abschwellend durch die Stadt,
            Menschen eilen von überall her auf Bunkeranlagen zu,
            eine Gruppe von achtzig Kindern sammelt sich
            unter der Leitung einer jungen Kindergärtnerin,
            betritt ruhig und diszipliniert die Kellerräume eines Hauses,
            setzt sich, eng aneinander gerückt, auf vorbereitete Bänke;
            feiner Sand rieselt von der Decke -

            Während die Sirenen noch weiter heulen,
            beginnt die Kindergärtnerin zu erzählen,
            das Märchen von Schneewittchen und den sieben Zwergen;
            sie erzählt und ein Mantel der Stille legt sich um die Kinder,
            sogar die Erwachsenen kleben bald an ihrem Mund
            und Tränen kullern verschämt über die eine oder andere Wange;
            urplötzlich ein Krachen, ein heftiges Rütteln erschüttert das Haus -

            Ein panischer Schrei, wir sind verschüttet,
            eine Bombe hat das Haus getroffen im Eingangsbereich;
            die Kindergärtnerin unterbricht nur kurz ihr Erzählen,
            macht mit ihren Armen eine weit umfassende Gebärde nach unten
            und die Kinder schlüpfen wieder unter den Mantel der Stille;
            bald sind Schaufeln und Hacken zu hören,
            auf Schneewittchen folgt Rotkäppchen -

            Die Kindergärtnerin lässt auf engsten Raum einen Reigen tanzen,
            die Kinder zeichnen Rotkäppchens Blumen in den Staub vor sich
            erzählen von den Blumen, die sie heute schon gepflückt
            und überbringen sie in einer symbolischen Gebärde
            den Erwachsenen im Keller;
            keine Panik, nur Stille und etwas wie ein Duft von Blumen,
            eine Insel des Friedens mitten im Krieg.

            Nach zwei Stunden, Licht und Stimmen, ist jemand verletzt,
            die Kinder kommen frei,
            von Sorge gebeutelte Eltern umarmen ihre Kinder,
            beschämte Blicke streifen die Kindergärtnerin,
            da und dort ein Händedruck des Dankes;
            noch immer umgibt die junge Frau ein Mantel der Stille,
            im Kindergarten schmückt sie die Tische für den nächsten Tag -




           

© baH, 24.04.2013



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Christbaum

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 Christbaum
 
 
Hörst auch du die leisen Stimmen 
aus den bunten Kerzlein dringen? 
Die vergeßenen Gebete
aus den Tannenzweiglein singen? 
Hörst auch du das schüchternfrohe, 
helle Kinderlachen klingen? 
Schaust auch du den stillen Engel 
mit den reinen, weißen Schwingen?... 
Schaust auch du dich selber wieder
fern und fremd nur wie im Traume? 
Grüßt auch dich mit Märchenaugen 
deine Kindheit aus dem Baume?... 


Ada Christen, 1839 - 1901


 
 
Photo credit: Isabella Kramer



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