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Sogar die kleinen Vögel in der Stadt

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Sogar die kleinen Vögel in der Stadt…

Sogar die kleinen Vögel in der Stadt
Sind Städter auch: blasiert und arrogant
Und stets dem eignen Vorteil zugewandt:
Kein Spatz, der noch Respekt vor Menschen hat!

Dort kommt dir bettelnd in den Weg gerannt
Ein Amselweibchen und von jenem Blatt
Ein Fink, als wär' er längst mit dir bekannt.
Frägt dich mit frechem Blick: Na! gibst de wat?

Und gibst du etwas, sieht er sich gemach
Den Brocken an, den du gegeben hast.
Ob's auch was Gutes ist, eh er es speist –

Und gibst du nichts, singt dir die Bande nach
Und schimpft herunter dich, von Ast zu Ast,
Daß Du ein schofler Hungerleider seist.

A. de Nora, 1864 - 1936








Foto Copyright: Isabella Kramer

Alle unsere Tauben

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Alle unsre Tauben


Alle unsre Tauben
sind schon lange wach,
sitzen auf den Lauben,
sitzen auf dem Dach,
sitzen auf dem Regenfass:
Wer gibt denn uns Tauben was?

Alle unsre Hennen
sind schon aus dem Stall,
gackeln schon und rennen,
scharren überall.
Und der Hahn kräht: Futter her!
Immer mehr, nur immer mehr!

Alle unsre Kleinen
machen ein Geschrei,
strampeln mit den Beinen,
wollen ihren Brei.
Lirum, larum, Löffelstiel,
wer krakeelt, der kriegt nicht viel.

Tauben, Hühner, kleine Kind’,
jeden Morgen hungrig sind.


Gustav Falke






Photo copyright: 
Isabella Kramer

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Die Suppe sprach

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Die Suppe sprach...

Die Suppe sprach mit leisem Mund:
»Die Kinder mach' ich stark – gesund!
Wenn ihr’s nicht glaubt, so seid jetzt still
Und horcht, was ich erzählen will.

Im Wald, wo Wind und Wetter braust,
Hat eine Hexe einst gehaust,
Die hatte viele Kinderlein,
Die sperrte in den Wald sie ein,
Gab ihnen nichts zu essen mehr;
Die Kinder plagt’ der Hunger sehr.

Doch eine Fee, die wusste dies;
Darum sie Suppe regnen ließ.
Da kamen schnell die Kinderlein
Und fingen sie in Töpfchen ein,
Und wurden groß und kräftig sehr,
Die Hex’ konnt’ sie nicht halten mehr,
Und kamen glücklich in die Stadt –
Die Suppe sie gerettet hat!«


Joachim Ringelnatz, 1883-1934





Photo copyright: 
Isabella Kramer

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Die Erdbeere

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Die Erdbeere

Bei heißen Sonnenbränden,
Du Beere, duftig, roth,
Mit nimmermüden Händen
Pflückt dich das Kind der Noth.

Es sieht die Fülle prangen
Und unterdrückt dabei
Das eigene Verlangen,
Wie mächtig es auch sei.

Gehäuften Topf und Teller
Trägt es zum Händler dann;
Der geizt noch mit dem Heller –
Er ist ein kluger Mann.

Doch nicht bei seines Gleichen
Vollendet sich der Kreis:
Erst auf dem Tisch des Reichen,
Der zu bezahlen weiß.

So wird zur Menschenhabe
Und dient dem Wucher nur
Selbst deine frei'ste Gabe,
O liebende Natur!




Ferdinand von Saar, 1833 - 1906



Gemälde copyright: Isabella Kramer 


Bitte beachten Sie das Urheberrecht: Copyright Texte, Fotos und Graphiken = Isabella Kramer, veredit - wenn nicht anders erwähnt. Auch für private Homepages dürfen diese Texte, Fotos und Graphiken nicht ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis verwendet werden! Wenn Sie meine Gedichte oder Bilder verwenden wollen, fragen sie mich bitte. 
Kontakt über email: vere_dit@yahoo.de

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Die kurzsichtige Schlange Wanda

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Die kurzsichtige Schlange Wanda

Wanda schlingt im Schlangensumpf
sich gewandt um einen Stumpf
einer großen Dattelpalme,
guckt von dort auf Schachtelhalme,

dass sie wohl etwas entdecke,
das sich tief im Schilf verstecke
und sich zum Verschlingen eigne.
Still! Es raschelt im Gezweige!

Da – ein Knacken, dort - ein Knistern!
Rundum leises Luftzugswispern.
Angestrengt guckt sie umher:
„Ich hör doch was! Ist denn da wer?!“

Hungrig schnellt vom Baum sie vor.
Lauschend spitzt sie Zung' wie Ohr.
Horch! Ihr Magen knurrt ganz laut.
Hat zu lang nichts mehr verdaut.

Wird sie endlich Beute machen?
Ewig schon stand leer ihr Rachen.
Doch auch heut wird’s nix mit Fressen -
hat die Brille sie vergessen!

Welch ein Glück! Da kommt schon Tjum,
öffnet das Terrarium.
Wanda, sieh nur! DIE Portion!
Schnapp! - Gepackt! Sie hat sie schon!



mit freundlicher genehmigung von: die amelie ´ 09


Gemälde copyright: Isabella Kramer 


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Die Grille und die Ameise

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Die Grille und die Ameise

Die Grille, die den Sommer lang
zirpt’ und sang,
litt, da nun der Winter droht’,
harte Zeit und bittre Not:
Nicht das kleinste Würmchen nur,
und von Fliegen keine Spur!
Und vor Hunger weinend leise,
schlich sie zur Nachbarin Ameise,
fleht' sie an, in ihrer Not
ihr zu leihn ein Stückchen Brot,
bis der Sommer wiederkehre.
"Hör",sprach sie, "auf Grillenehre,
vor der Ernte noch bezahl'
Zins ich dir und Kapital."
Die Ameise, die, wie manche lieben
Leute, das Verleihen haßt',
fragt' die Borgerin: "Was hast
du im Sommer denn betrieben?"
"Tag und Nacht hab' ich ergötzt
durch mein Singen alle Leut'."
"Durch dein Singen? Sehr erfreut!
Weißt du was? Dann – tanze jetzt!"


Aesop (um 550 v. Chr.), auch Aisopos, griechischer Sklave auf Samos. Die ihm zugeschriebenen Fabeln wurden wahrscheinlich mündlich überliefert und erst später aufgeschrieben




Photo copyright: Isabella Kramer
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Old Meg, die war Zigeunerin

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Old Meg, die war Zigeunerin 
Und lebte tief im Moor, 
Ihr Bett war brauner Heidetorf 
Und ihr Haus die Luft davor. 
Ihr Apfelbaum der Brombeerstrauch, 
Der Ginster Beerenhain, 
Ihr Wein war Heckenrosentau, 
Ihr Buch ein Grabmalstein. 
Wie Brüder sah sie schroffe Höhn, 
Wie Schwestern Lärchen an — 
Sie lebte, wie es ihr gefiel, 
Allein mit ihrem Clan. 
Wie oft hat sie kein Mahl in der Früh 
Und nichts zum Mittag belohnt, 
Und oft war noch ihr Abendbrot 
Ein Starren in den Mond. 
Doch stets war morgens frisch ein Kranz 
Aus Geißblatt um ihr Haupt, 
Und stets flocht nachts sie mit Gesang 
Der Schluchten Eibenlaub. 
Und braun und alt war ihre Hand, 
Die Binsenmatten webte 
Und an das Häuslervolk vergab, 
Das in den Wäldern lebte. 
Old Meg war amazonengroß, 
Besaß Queen Margarets Mut, 
Sie trug ein altes rotes Cape 
Und einen Bastschlapphut. 
Schon lang liegt ihr Gebein im Grund — 
Gib Gott, daß es dort ruht!

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Original Version



Meg Merrilies

Old Meg she was a Gipsy,

       And liv'd upon the Moors:
Her bed it was the brown heath turf,
       And her house was out of doors.

Her apples were swart blackberries,

       Her currants pods o' broom;
Her wine was dew of the wild white rose,
       Her book a churchyard tomb.

Her Brothers were the craggy hills,

       Her Sisters larchen trees—
Alone with her great family
       She liv'd as she did please.

No breakfast had she many a morn,

       No dinner many a noon,
And 'stead of supper she would stare
       Full hard against the Moon.

But every morn of woodbine fresh

       She made her garlanding,
And every night the dark glen Yew
       She wove, and she would sing.

And with her fingers old and brown

       She plaited Mats o' Rushes,
And gave them to the Cottagers
       She met among the Bushes.

Old Meg was brave as Margaret Queen

       And tall as Amazon:
An old red blanket cloak she wore;
       A chip hat had she on.
God rest her aged bones somewhere—
       She died full long agone!







John Keats (1795 - 1821), englischer Dichter



Foto copyright: 
Isabella Kramer



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Weihnachten bewahren




Das ist Weihnachten bewahren.

Ich beschließe zu vergessen,
was ich für andere getan habe,
und will mich daran erinnern,
was andere für mich taten;
ich will übersehen,
was die Welt mir schuldet,
und daran denken
was ich der Welt schulde.

Ich will erkennen,
daß meine Mitmenschen genauso
wirkliche Wesen sind wie ich,
und will versuchen,
hinter ihren Gesichtern
ihre Herzen zu sehn,
die nach Freude und Frieden hungern.

Ich will das Beschwerdebuch gegen die Leistungen
des Universums schließen
Und mich nach einem Platz umsehen,
wo ich ein paar Saaten Glücklichsein säen kann.






Henry van Dyke, 1852 -1933


Photo credit: Isabella Kramer







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Die Gäste der Buche

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Die Gäste der Buche

Mietegäste vier im Haus
Hat die alte Buche.
Tief im Keller wohnt die Maus,
Nagt am Hungertuche.


Stolz auf seinen roten Rock
Und gesparten Samen
Sitzt ein Protz im ersten Stock;
Eichhorn ist sein Namen.


Weiter oben hat der Specht
Seine Werkstatt liegen,
Hackt und zimmert kunstgerecht,
Daß die Späne fliegen.


Auf dem Wipfel im Geäst
Pfeift ein winzig kleiner
Musikante froh im Nest.
Miete zahlt nicht einer.



Rudolf Baumbach, 1840 - 1905








Maus: Foto von Joshua J. Cotten auf Unsplash

Eichhörnchen: Foto von Jeremy Hynes auf Unsplash

Specht: Foto von Ainur Khakimov auf Unsplash

Rotkehlchen im Nest: Foto von Ben Mullins auf Unsplash

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