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Der Herbst als Färber

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Der Herbst als Färber 

Da steigt der Herbst frisch von den Bergen nieder,
und wie er wandert durch den grünen Wald,
gefällt ihm nicht, daß überall das Laub dieselbe Farbe hat.
Er sagt: "Viel hübscher ist`s rot und gelb, das sieht sich lustig an."

So spricht er, und gleich färbt der Wald sich bunt. -
Und wie der Herbst drauf durch den Garten geht
und durch den Weinberg, spricht er:
"Was ist das? Der Sommer tat so groß mit seiner Hitze,
und Wein und Obst hat er nicht reif gemacht?

Schon gut, so zeig ich, daß ich`s auch versteh!"
Und kaum gesagt, so haucht er Wein und Obst
mit seinem Atem an, und siehe da:
die Äpfel und die Pflaumen und die Trauben,
zusehends reifen sie voll Duft und Saft.

Drauf kommt der Herbst zur Stadt und sieht die Knaben
in ihrer Schule sitzen voller Fleiß.
Da ruft er ihnen zu, "Grüß Gott ihr Buben!
Heut ist Sankt-Michaelis-Tag, da gibt es
lange Ferien. Kommt zu mir auf`s Land!

Ich hab dem Wald sein Laub schön bunt geblasen;
ich hab dem Apfel rot gefärbt die Backen;
ich will euch klar und blank die Augen wehen,
und Eure Backen will ich tüchtig bräunen,
wie sich`s für Buben schickt. Versteht ihr mich?"

So spricht der Herbst und jubelnd zieh'n die Knaben
auf seinem Ruf durch Berg und Wald und Feld
und kehren heim mit neuer Lust zur Arbeit.


Robert Reinik, 1805 - 1852






Foto Copyright: Isabella Kramer





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Anziehliedchen

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Anziehliedchen


Wer strampelt im Bettchen?
Versteckt sich wie'n Dieb?
Das ist der Rumpumpel,
Den haben wir lieb.

Was guckt da für'n Näschen?
Ein Bübchen sitzt dran.
Das ist der Rumpumpel,
Den ziehn wir jetzt an.

Erst wird er gewaschen
Vom Kopf bis zur Zeh;
Er weint nicht, er greint nicht,
Denn es tut ja nicht weh.

Schnell her mit dem Hemdchen:
Da schlüpfen wir fein
Erst rechts und dann links
In die Ärmelchen ´rein.

Fix an noch die Strümpfchen,
Fix an auch die Schuh;
Kommt's Händchen, schnürt's Bändchen,
Schon sind sie zu.

Nun Leibchen und Höschen,
Ein Röckchen kommt auch;
Sonst friert dem Rumpumpel
Sein kleiner runder Bauch.

Das Kämmchen kämmt sachte,
Aber still muss man stehn;
Zuletzt noch das Kleidchen,
Der Tausend, wie schön!


Paula Dehmel, 1862-1918




Gemälde Copyright: Isabella Kramer 




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Kontakt über E-Mail: vere_dit@yahoo.de


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Traumwald - Christian Morgenstern














Traumwald


Des Vogels Aug verschleiert sich;
er fällt in Schlaf auf seinem Baum.
Der Wald verwandelt sich in Traum
und wird so tief und feierlich.

Der Mond, der stille, steigt empor.
Die kleine Kehle zwitschert matt.
Im ganzen Walde schwingt kein Blatt.
Fern läutet, fern, der Sterne Chor.




Christian Morgenstern



Foto copyright: Isabella Kramer



Ach wer das doch könnte - Viktor Blüthgen







Gemäht sind die Felder,
Der Stoppelwind weht.
Hoch droben in Lüften
Mein Drache nun steht,
Die Rippen von Holze,
Der Leib von Papier,
Zwei Ohren, ein Schwänzlein
Sind all seine Zier.
Und ich denk: so drauf liegen
Im sonnigen Strahl,
Ach, wer das doch könnte
Nur ein einziges Mal!


Da guckt ich dem Storch
In das Sommernest dort:
Guten Morgen, Frau Störchin,
Geht die Reise bald fort?
Ich blickt in die Häuser
Zum Schornstein hinein:
O Vater und Mutter,
Wie seid ihr so klein.
Tief unter mir säh ich
Fluss, Hügel und Tal,
Ach, wer das doch könnte,
Nur ein einziges Mal!


Und droben, gehoben
Auf schwindelnder Bahn,
Da fasst ich die Wolken,
Die segelnden an;
Ich ließ mich besuchen
Von Schwalben und Krähn
Und könnte die Lerchen,
Die singenden sehn;
Die Englein belauscht ich
Im himmlischen Saal;
Ach, wer das doch könnte,
Nur ein einziges Mal!



Viktor Blüthgen, 1844 - 1920




das Foto zeigt ein eigenes Stickbild im Privatbesitz, gefertigt nach der Vorlage
"Catch the Wind" by Marilyn Leavitt-Imblum ©1991

Der Zauberer und der Frosch







Der Zauberer und der Frosch

Nachdenklich schritt ein Zaubrer auf und ab:
"Was nützt denn sonst ein Zauberstab?
Es gilt ja bloß zu wünschen, nur zu handeln;
In einen Engel will ich diesen Frosch verwandeln."

Er schwang den Stock, rief "Abrada",
Und fertig stand der Engel da.
Himmlisch und hehr, beschwingt mit Flügeln,
Und länger konnt er seine Leidenschaft nicht zügeln.

Er baut ihr einen Tempel und Altar
Und bot ihr knieend Weihrauch dar.
Den Weihrauch ließ sie liegen -
Und schnappte Fliegen.

Der Zaubrer lachte: "So war’s nicht gemeint.
Ein Lurch gibt keine Lerche, wie es scheint.
Wir wollen uns beeilen,
Den Frosch zu heilen."

Zum Zauberstocke griff er unverwandt.
O weh, den hatte sie verbrannt
Was blieb ihm nun von seinen Zauberschnaken
Als mitzuquaken?



Carl Spitteler 1845 - 1924






Photo copyright: Isabella Kramer


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Das Gespenst - Hugo Ball

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Das Gespenst


Gewöhnlich kommt es, wenn die Lichter brennen.
Es poltert mit den Tellern und den Tassen.
Auf roten Schuhen schlurrt es in den nassen
Geschwenkten Nächten und man hört sein Flennen.

Von Zeit zu Zeit scheint es umherzurennen
Mit Trumpf, Atout und ausgespielten Assen.
Auf Seil und Räder scheint es aufzupassen
Und ist an seinem Lärmen zu erkennen.

Es ist beschäftigt in der Gängelschwemme
Und hochweis weht dann seine erzene Haube,
Auf seinen Fingern zittern Hahnenkämme,

Mit schrillen Glocken kugelt es im Staube.
Dann reißen plötzlich alle wehen Dämme
Und aus der Kuckucksuhr tritt eine Taube.




Hugo Ball, 1886 - 1927








Gemälde: Wikimedia Commons  









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