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Der goldene Tod

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Der goldene Tod


Kein Wind im Segel, die See liegt still –
kein Fisch doch, der sich fangen will!
So ziehen die Netze sie wieder herein
und murren, schelten und fluchen drein.
Da neben dem Kutter wird's heller und licht
wie weißliches Haar, wie ein Greisengesicht,
und ein triefendes Haupt taucht auf aus der Flut:
»Ei, drollige Menschlein, ich mein's mit euch gut –

Ich gönn' euch von meiner Herde ja viel,
doch heut ist mein Jüngster als Fisch beim Spiel,
den mußt' ich doch hüten, ich alter Neck,
drum jagt ich sie all miteinander weg –
doch schickt ihr den Jungen mir wieder nach Haus,
so werft nur noch einmal das Fangzeug aus:
Der schönste ist mein Söhnchen klein,
das übrige mag euer eigen sein!«

Hei, flogen die Netze jetzt wieder in See!
Ho, kaum, daß ihr' Lasten sie brachten zur Höh'!
Wie lebende Wellen, so fort und fort
von köstlichen Fischen, so quoll's über Bord.
Und patscht und schnappt und zappelt und springt –
und bei den Fischern, da tollt's und singt.
Nun plötzlich blitzt es – seht: es rollt
ein Fisch über Bord von lauterem Gold!

Eine jede Schuppe ein Geldesstück!
Wie edelsteinen, so funkelt's im Blick!
Die Kiemen sind aus rotem Rubin,
Perlen die Flossen überziehn,
mit eitel Demanten besetzt, so ruht
auf seinem Häuptlein ein Krönchen gut,
und fürnehm wispert's vom Schnäuzlein her:
»Ich bin Prinz Neck, laßt mich ins Meer!«

Den Fang ins Meer? Sie rühren ihn an,
die Fischer, und tasten und stieren ihn an.
»Laßt mich ins Meer!« Sie hören nicht drauf.
»Laßt mich ins Meer!« Sie lachen nur auf.
Sie wägen das goldene Prinzlein ab,
sie schätzen's und klauben ihm Münzlein ab –
Wie wiegt das voll, wie gleißt das hold!
Sie denken nichts weiter, – sie denken nur Gold.

Und seht: ein Goldschein überfliegt
jetzt alles, was von Fisch da liegt,
und wandelt's, daß es klirrt und rollt:
Seht all die Fische werden Gold!
Sinkt das Schiff von blitzender Last?
»Schaufelt, was die Schaufel faßt!«...
Wie lustiges Feuerwerk sprüht das umher –
dann rauscht über alles zusammen das Meer.



Ferdinand Avenarius, 1856 - 1923 






Photo copyright: Isabella Kramer

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Das Schneckenhaus

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Das Schneckenhaus

Was stößt dein Fuß hier vor sich hin?
Was schätzet so gering dein Sinn? –
Ein leeres Schneckenhaus im Gras!
Und doch – ein Lusthaus war auch das,
Als es noch wandelt‘ in der Au,
Umblitzt von aller Blumen Tau. –
Verachte nie des Schöpfers Stempel,
Auch nicht am kleinen Schneckentempel!



Karl Mayer






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Die Eidechsen

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Die Eidechsen

Nah war ich dran, zu überschau’n
Dich, zartes Tierchen, erdenbraun!
Du, grünes, bliebest mir fast ganz
Verborgen in des Grases Glanz.
Ihr sonnt euch hier mit Erd‘ und Pflanzen,
Ein kaum bemerkter Teil des Ganzen.

Eidechsen, wenn ich so euch beide
Von Erd‘ und Gras kaum unterscheide
Mit eurem Braun und eurem Grün,
So blitzen eure Äuglein kühn
Auf eurer Flucht mir doch zurück:
Ihr fühlte der Beseelung Glück!






Karl Mayer, 1786-1870






Photo copyright: Isabella Kramer
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Sonne und Mond

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Sonne und Mond


Die Sonne sprach: O Mond, ich wende
Der lieben Erde nun mich ab
Und lasse dich zurück; o spende
Ihr alles das, was ich nicht gab.
Ich gab ihr die Erregung
Des Lichtes und der Lust,
Verleih' ihr nun die Hegung
Des Glücks in stiller Brust.


Wo sengend trafen meine Strahle
Darauf gieß einen Tropfen Tau,
Und was durch mich gewelkt im Thale,
Das zu erfrischen atme lau.
Und was ich den Gedanken
Nicht zeigen durft' im Raum,
Das laß der Seele Ranken
Umfahn in duft'gem Traum.


Und wenn ich kehr' am Morgen wieder,
Will ich mich deiner Hilfe freun;
Gelabte Schläfer werden Lieder,
Erwachte Blumen Weihrauch streun.
Jedwede Knosp' am Baume,
Von dir gepflegt, gedeiht,
Und was du gabst im Traume,
Mach' ich zur Wirklichkeit.





Friedrich Rückert, 1788 - 1866




Foto copyright: Isabella Kramer

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Die Gänse-Königin

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Die Gänsekönigin

Huhle, Huhle Gänschen,
Wackelt mit dem Schwänzchen!
Ei, ihr wißt doch, was ich bin?
Bin ja die Frau Königin;
Ihr seid meine Kinder.
Gihkgahk, Juch!

Du bist meine Blaue,
Du bist meine Graue,
Räpple mit dem schwarzen Kopf,
Schimmel mit dem weißen Schopf
Und mein Hoftrompeter.
Gihkgahk, Juch!

Und da steht ihr alle Fünfe
Ohne Schuh' und ohne Strümpfe.
Wie ist’s auf der Welt so schön,
Das die Gänse barfuß geh'n
Selbst am lieben Sonntag!
Gihkgahk, Juch!

Kommt ein nasser Regen,
Donnert's - meinetwegen!
Laufen wir doch nicht davon,
Liesel sitzt auf ihrem Thron
Wie der König David.
Gihkgahk, Juch!

Huhle, huhle Schnäbel,
Kommt der Herbst mit Nebel,
Gebt ihr Braten, Gänsefett,
Weiche Federn für das Bett,
Freu'n sich alle Kinder!
Gihkgahk, Juch!

Legt euch Pfarrers Hanne
In die schöne Pfanne,
Steckt euch Beifuß in den Bauch,
Freut sich der Herr Pfarrer auch,
Sagt, ihr wäret prächtig! 
Gihkgahk, Juch!

Huhle, huhle Gänschen,
Wackelt mit dem Schwänzchen!
Freuet euch, denn daß ihr's wißt:
Wenn euch der Herr Pfarrer ißt, 
Kommt ihr auch in den Himmel!
Gihkgahk, Juch!



Friedrich Hofmann, 1813 - 1888





Aquarell veredit©isabella.kramer  www.veredit-art.blogspot.com 





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Die Kaktusblüte

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Die Kaktusblüte


Den Kaktus seht im Brand der Wüste,
Ein stachlichtes Gerippe nur!
Kein Tauwind, der ihn freundlich grüßte,
Den Eremiten der Natur.

Fest eingeklemmt in Felsenspalten
Scheint jeder Lebenstrieb erstarrt.
Mit Staub bedeckt die Runzelfalten,
Da sehnlich er der Blüte harrt.

Und endlich fühlt den Saft er drängen
In seinem Innern voller Macht:
Ein Knösplein, sieh, die Rinde sprengen
Beim Zauberruf der Sommernacht.

Und voller wird‘s von Stund‘ zu Stunde;
Es kreist der Saft in heißem Lauf.
Da geht ein keuchten durch die Runde,
Da geht das schöne Wunder auf.

Viel süßer als die Südlandsrose
Und leuchtender als Lilienpracht,
Im Mondlicht blüht die makellose,
Die Königin der Wüstennacht.

Doch wirren Spiels beim Morgengrauen
Durchs Wüstenland die Dolde treibt,
Verschrumpft und trostlos anzuschauen
Das stachlichte Gerippe bleibt.

Nur duftig haftet im Gemüte
Das Märchen seiner kurzen Pracht,
Bis wieder einst die Wunderblüte
Sich öffnen mag der Sommermacht.




Johannes Rothensteiner, 1860 - 1936 



Foto copyright: Isabella Kramer



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