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Tertius Gaudens (Ein Stück Entwickelungsgeschichte)

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Vor vielen Jahren sozusagen
hat folgendes sich zugetragen.

Drei Säue taten um ein Huhn
in einem Korb zusammen ruhn.

Das Huhn, wie manchmal Hühner sind
(im Sprichwort mindestens), war blind.

Die Säue waren schlechtweg Säue
von völliger Naturgetreue.

Dies Dreieck nahm ein Mann aufs Ziel,
vielleicht wars auch ein Weib, gleichviel.

Und trat heran und gab den Schweinen –
ihr werdet: Runkelrüben meinen.

O nein, er warf – (er oder sie)
warf – Perlen vor das schnöde Vieh.

Die Säue schlossen träg die Lider...
Das Huhn indessen, still und bieder,

erhob sich ohne Hast und Zorn
und fraß die Perlen auf wie Korn.

Der Mensch entwich und sann auf Rache;
doch Gott im Himmel wog die Sache

der drei Parteien und entschied,
daß dieses Huhn im nächsten Glied

die Perlen außen tragen solle.
Auf welche Art die Erdenscholle –

das Perlschwein -? Nein! Das war verspielt!
das Perl- Huhn zum Geschenk erhielt.


Christian Morgenstern, 1871 - 1914




Gemälde copyright: Isabella Kramer
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Die Roggenmuhme

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Die Roggenmuhme

Das Mägdlein spielt auf dem grünen Rain, 
die bunten Blumen locken. 
»Nicht sieht mich die Mutter« – Ins Korn hinein 
schleicht sacht es auf weichen Socken.

»Die roten und blauen Blumen wie schön! 
Die will ich zum Kranz mir winden; 
doch weiter hinein ins Feld muß ich gehn, 
dort werd' ich die schönsten finden.«

Und weiter eilt es. Gefüllt ist die Hand, 
da will es zurück sich wenden. 
Es läuft und läuft und steht wie gebannt, 
das Korn will nimmer enden.

»Hinaus zum Rain, zum Sonnenlicht! 
Wo blieb die Mutter, die süße?« 
Die Halme schlagen ihm ins Gesicht, 
die Winde umschlingt die Füße.

Und horch, da rauscht's unheimlich bang, 
die Ähren wallen und wogen. 
»Da kommt – ach, daß ich der Mutter entsprang – 
die Roggenmuhme gezogen!«

Sie kommt heran auf Windesfahrt, 
die roten Augen blitzen, 
gelb ist die Wange, langstachlicht ihr Bart, 
die Haare sind Ährenspitzen.

»Wie kommst du her in mein Revier 
und gehst auf verbotenen Pfaden? 
Was raubst du meine Kinder mir, 
Kornblumen und Mohn und Raden?

Weh dir!« Sie streckt die Hand nach ihm aus, 
es fühlt die stechenden Grannen. 
»Nimm hin deine Blumen, und laß mich nach Haus!« 
Und bebend stürzt es von dannen.

Fort, fort zur Mutter! Das Korn nimmt kein End', 
vergebens will es entwischen, 
die Roggenmuhme dicht hinter ihm rennt, 
die Ähren höhnen und zischen.

Schon fühlt es, wie ihr Arm es umschlingt. 
»Erbarme dich mein, erbarme!« 
Dort ist der Rain. »O Mutter!« – Da sinkt 
das Kind ihr tot in die Arme.



Jacob Loewenberg




Quelle: 
„Balladenbuch, 1.Band Neuere Dichter“ hrsg. von Otto Ernst, Dr. J. Loewenberg, Dr. Ernst Schultze 
und Börries Freiherr v. Münchhausen; erschienen 1916  (1. Auflage 1904) in Hamburg-Grossborstel, Verlag der Deutschen Dichter-Gedaechtnis-Stiftung

Photo copyright: Isabella Kramer
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Ringel-Reigen

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Ringel-Reigen

Maienjunger Sonnenschein,
an den jungen Zweigen –
drehn wir uns in Ringel-Reih'n,
Ringel-Ringel-Reigen.

Drehn wir uns im Reigen rund
lustig Paar zu Paaren,
bunte Blumen, Blumen bunt,
Blumen in den Haaren.

Geht wohl über Wald und Feld
eine liebe Weise,
und die ganze weite Welt
dreht sich mit im Kreise

Maienjunger Sonnenschein,
an den jungen Zweigen –
drehn wir uns in Ringel-Reih'n,
Ringel-Ringel-Reigen.



Manfred Kyber





Foto copyright: Isabella Kramer







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Waldmeister

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Waldmeister

Waldmeisterlein, Waldmeister,
in grünen Schleiern feierlich
umschweben und umweben dich
des Waldes gute Geister.

Liebmütterlich geborgen,
trägst du dein Silberkrönlein klar
wie eine Braut im seidnen Haar
den Kranz am Hochzeitmorgen.

Sieh, aller Würzen Frische
sogst du in dich aus dunklem Grund,
und selig haucht dein Blütenmund
in jede Rankennische.

Waldmeisterlein, Waldmeister,
in grünen Schleiern feierlich
umschweben und umweben dich
des Waldes gute Geister.



Fridolin Hofer, 1861-1940



Foto copyright: Isabella Kramer



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Aussöhnung

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Aussöhnung

Die Leidenschaft bringt Leiden! – Wer beschwichtigt
Beklommnes Herz, das allzuviel verloren?
Wo sind die Stunden, überschnell verflüchtigt?
Vergebens war das Schönste dir erkoren!
Trüb ist der Geist, verworren das Beginnen;
Die hehre Welt, wie schwindet sie den Sinnen!

Da schwebt hervor Musik mit Engelschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön um Töne,
Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ew'ger Schöne:
Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen
Den Götterwert der Töne wie der Tränen.

Und so das Herz erleichtert merkt behende,
Daß es noch lebt und schlägt und möchte schlagen,
Zum reinsten Dank der überreichen Spende
Sich selbst erwidernd willig darzutragen.
Da fühlte sich – o daß es ewig bliebe! –
Das Doppelglück der Töne wie der Liebe.



Johann Wolfgang von Goethe






Photo copyright: Isabella Kramer




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Lütt Jan

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Lütt Jan

Jan Boje wünscht sich lange schon
ein Schiff – ach Gott, wie lange schon!
Ein Schiff so groß – ein Schiff – hurra:
von hier bis nach Amerika.

Die höchsten Tannen sind zu klein,
die Masten müßten Türme sein,
die stießen – hei, was ist dabei? –
klingling das Himmelsdach entzwei.

Die Wolken wären Segel gut,
die knallen wild im Wind vor Wut;
Jan Boje hängt am Klüverbaum
und strampelt nackt im Wellenschaum.

Jan baumelt an der Reling, Jan!
und schaukelt, was er schaukeln kann.
Wenn's an die Planken plitscht und platscht,
der blanke Steert ins Wasser klatscht.

Wie greift er da die Fische flink:
Ein Butt bei jedem Wellenblink!
Die dörrt auf Deck der Sonnenschein,
und Jantje beißt vergnügt hinein.

Jan Boje segelt immerfort,
spuckt über Back- und Steuerbord
und kommt zurück trotz Schabernack,
das ganze Schiff voll Kautabak.

Wer aber ist Jan Boje, he?
Der Teufelsmaat und Held zur See?
Jan Boje ist ein Fischerjung',
ein Knirps, ein Kerl, ein frischer Jung'.

Grad liegt er auf dem Bauch im Sand
und lenkt ein schwimmend Brett am Band,
und ob die Woge kommt und geht,
ob sich sein Brett im Wirbel dreht –:

Sein starrer Blick ins Ferne steht.

Da schwillt's heran im Sonnengleiß
von tausend Segeln breit und weiß;
da hebt sich manch ein Riesenbug
wie düstrer Spuk und Augentrug...

Das wandert ewig übers Meer.
Wann kommt Jan Bojes Schiff daher?


Otto Ernst, 1862 - 1926




Photo copyright: Isabella Kramer

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