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Osterspaziergang




Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in raue Berge zurück.

Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,

Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt's im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.

Aus dem hohlen, finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! wie behänd sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss in Breit' und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel;
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!


Johann Wolfgang von Goethe, 1749 - 1832 - aus: Faust I, Vor dem Tor



Foto copyright: Isabella Kramer



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Hasensalat

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Hasensalat

Morgens in den Garten trat 
Liese, klein und niedlich,
Saß ein Häslein im Salat, 
Schmaust und tat sich gütlich.

Liese sprach: Du armes Tier, 
Wart einmal, indes ich
Lauf ins Haus und hole dir
Zum Salat den Essig.

Kommt zurück schon mit dem Krug, 
Niemals lief sie schneller ­
Essig gießt sie jetzt genug
Auf den Hasenteller.

Lieselchen, ich danke dir, 
Sprach der kleine Fresser, 
Eigentlich doch schmeckt es mir 
Ohne Essig besser.



Johannes Trojan, 1837 - 1915




Photo credit: Isabella Kramer




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Frühlingsahnung

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Frühlingsahnung

Rosa Wölkchen überm Wald
wissen noch vom Abendrot dahinter

überwunden ist der Winter,
Frühling kommt nun bald.

Unterm Monde silberweiß,
zwischen Wipfeln schwarz und kraus
flügelt eine Fledermaus
ihren ersten Kreis.

Rosa Wölkchen überm Wald
wissen noch vom Abendrot dahinter
überwunden ist der Winter,
Frühling kommt nun bald.


Christian Morgenstern, 1871 - 1914






Foto copyright: Isabella Kramer

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Die Weiden

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Die Weiden

Still ein See. Und rings in tiefen Träumen
Eine Wacht von jungen Weidenbäumen.

"Wachset," ruft der Wind, "ihr jungen Recken,
Wär' ich jung wie ihr, ich würd' mich strecken!"

Höhnt der Sturm: "Ich wach', ihr Kümmerlinge,
Daß kein Baum bis in den Himmel dringe.

Wachst nur, wachst! Laßt junge Zweige treiben!
Werdet immer - kleine Weiden bleiben!"

Und die Weiden wuchsen, still bescheiden,
Und sie wurden mählich alte Weiden .....

Aber eine war, die sich empörte,
Da sie rauh des Sturmes Höhnen hörte.

Und sie bebte in geheimem Sehnen,
Bis zum Himmel ihren Stamm zu dehnen.

Aber ach, was auch die Jahre gingen,
Glückt' ihr's nicht, sich in die Höh' zu bringen.

Traurig war sie, ihre Äste reckend
Und sie weit bis übers Wasser streckend.

Da geschah es, daß sie in dem blauen,
Dunklen See den Himmel konnt' erschauen.

Und sie rief: "Ich brauch' zu meinem Glücke
Nichts, als daß ich mich hernieder bücke!"

Und sie beugte sich und jauchzt: "Ihr Brüder,
Seht, ich wachse in den Himmel nieder!"

Hugo Salus, 1866 - 1929




Foto copyright: Isabella Kramer
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Vorbei ist die Zeit

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Vorbei ist die Zeit, wo der Mensch noch nicht 
Den Erdball unsicher machte, 
Wo der Urwald unter dem Vollgewicht 
Des Mammutfußtritts erkrachte. 

Vergeblich spähst du in unserm Revier 
Nach dem Löwen, dem Wüstensohne; 
Es ist zu bedenken: wir leben allhier 
In sehr gemäßigter Zone.

In Leben und Dichtung gehört das Feld 
Nicht dem Großen und Ungemeinen; 
Und immer schwächlicher wird die Welt, 
Noch kommen die Kleinsten der Kleinen.

Sind wir Katzen verstummt, so singt die Maus, 
Dann schnürt auch die ihren Bündel; 
Zuletzt jubiliert noch in Saus und Braus 
Das Infusorien-Gesindel. 
(einzellige Wimperntierchen)



Joseph Victor von Scheffel, 1826 - 1886




Gemälde copyright: Isabella Kramer

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Der Mond

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Der Mond

Und grämt Dich, Edler, noch ein Wort
Der kleinen Neidgesellen?
Der hohe Mond, er leuchtet dort
Und läßt die Hunde bellen
Und schweigt und wandelt ruhig fort,
Was Nacht ist, aufzuhellen.





Johann Gottfried von Herder, 1744 - 1803






Foto copyright: Isabella Kramer


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