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Die kleine Fliege

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Die kleine Fliege


Neulich sah ich, mit Ergötzen,
Eine kleine Fliege sich,
Auf ein Erlen-Blättchen setzen,
Deren Form verwunderlich
Von den Fingern der Natur,
So an Farb′ , als an Figur,
Und an bunten Glanz gebildet.
Es war ihr klein Köpfchen grün,
Und ihr Körperchen vergüldet,
Ihrer klaren Flügel Paar,
Wenn die Sonne sie beschien,
Färbt ein Rot fast wie Rubin,
Das, indem es wandelbar,
Auch zuweilen bläulich war.
Liebster Gott! wie kann doch hier
Sich so mancher Farben Zier
Auf so kleinem Platz vereinen,
Und mit solchem Glanz vermählen,
Daß sie wie Metallen scheinen!
Rief ich, mit vergnügter Seelen.

Wie so künstlich! fiel mir ein,
Müssen hier die kleinen Teile
In einander eingeschränkt,
durch einander hergelenkt
Wunderbar verbunden sein!
Zu dem Endzweck, daß der Schein
Unsrer Sonnen und ihr Licht,
Das so wunderbarlich-schön,
Und von uns sonst nicht zu sehn,
Unserm forschenden Gesicht
Sichtbar werd, und unser Sinn,
Von derselben Pracht gerühret,
Durch den Glanz zuletzt dahin
Aufgezogen und geführet,
Woraus selbst der Sonnen Pracht
Erst entsprungen, der die Welt,
Wie erschaffen, so erhält,
Und so herrlich zubereitet.
Hast du also, kleine Fliege,
Da ich mich an dir vergnüge,
selbst zur Gottheit mich geleitet.


Barthold Hinrich Brockes, 1680 - 1747






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DA-Da leuchtet das krumme Gelb

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DA-Da leuchtet das krumme Gelb

Wenn das krumme Gelb
den arroganten Säbel löchert,
weiß der Küchenschatz noch nicht,
wer im grellen Dunkel still verharrt.
Eigenfüßig hat ein Blitz
jüngst Tomaten ins Gefüge seiner selbst
gestreut und startet, bumm,
aufgeplustert, sei es drum.
Wenn der Hahn dem Wasser
Pfötchen gibt und dann ergiebig
aus der Kanne Perlen schöpft,
delegiert der Frosch sein heißes Rosa
nach Formosa in den Ausguss.
Als ein Mann an der Krawatte
Silberfische durch die Nase zieht,
singt ein Weib wie müde Suppe
mit der Lupe, diese Puppe.
Weh, oh weh, 
wenn sich das rumspricht,
dass mit leerem Magen
sich ein Schwein im Schlafe dreht.
Seht, an der Ecke fallen Worte
ohne Aussicht auf Verstand
in ein frisch-gefärbtes Mauseloch
und doch! Als erregte Lindenzweige
sich beim Kennenlernen
niederhocken, läuten Glocken,
läuten Glocken!



mit freundlicher Genehmigung der Autorin © Ingrid Hassmann  





Gemälde copyright: 
Isabella Kramer 




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Kinder, lasst uns Eier schmücken

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Kinder, lasst uns Eier schmücken...

Kinder, lasst uns Eier schmücken,
rot oder gelb, grün oder blau
einerlei, es wird entzücken
ein jeder komm' er her und schau.

Linien ziehn wir zart und fein,
da sitzt der Osterhase auf der Wiese,
und das sollen seine Kinder sein,
keine Eier sind so bunt wie diese!

Und eh der Tag noch wird sich neigen
haben wir sie hübsch gereiht,
und schon hängen sie an den Zweigen,
was ihr doch für Künstler seid!


unbekannter Verfasser




Photo copyright: Isabella Kramer

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Vorgefühl





Vorgefühl

Es ist ein Schnee gefallen,
hat alles Graue zugedeckt,
die Bäume nur gen Himmel nicht;
bald trinkt den Schnee das Sonnenlicht,
dann wird das alles blühen,
was in der harten Krume jetzt
kaum Wurzeln streckt.


Richard Dehmel




Photo copyright: Isabella Kramer

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Atemloser August

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Atemloser August

Sommermonde machen Stroh aus Erde,
Die Kastanienblätter wurden ungeheuer von Gebärde,
Und die kühnen Bäume stehen nicht mehr auf dem Boden,
Drehen sich in Lüften her gleich den grünen Drachen.
Blumen nahen sich mit großen Köpfen und scharlachen,
Blau und grün und gelb ist das Gartenbeet, hell zum Greifen,
Als ob grell mit Pfauenschweifen ein Komet vorüberweht.
Und mein Blut, das atemlos bei den sieben Farbenstreifen stille steht,
Fragt sich: wenn die Blum', Baum und Felder sich verschieben,
Ob zwei Menschen, wenn die Welt vergeht,
Zweie, die sich lieben, nicht von allen Wundern übrig blieben.



Max Dauthendey, 1867 - 1918





Photo credit: Isabella Kramer
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Osterspaziergang

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Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in raue Berge zurück.

Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,

Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt's im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.

Aus dem hohlen, finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! wie behänd sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss in Breit' und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel;
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!


Johann Wolfgang von Goethe, 1749 - 1832 - aus: Faust I, Vor dem Tor



Foto copyright: Isabella Kramer



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Symphonie in Gelb

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Symphonie in Gelb


Über die Brücke kriecht ein Omnibus
Wie ein gelber Schmetterling,
Und hier und dort geht ein Passant,
Wie eine kleine ruhelose Mücke.

Große Kähne, voll mit gelbem Heu,
Sind am schattigen Kai vertäut,
Und wie ein gelber Seidenschal
Hängt der dichte Nebel vor dem Uferdamm.

Die gelben Blätter beginnen zu verblassen
Und taumeln von den Temple* Ulmen,
Und die blassgrüne Themse zu meinen Füßen
Liegt wie ein Zepter aus welliger Jade.



Oscar Wilde, 1854 - 1900


* Stadtbezirk in London, zwischen Fleet Street und der Themse gelegen


Photo copyright: Isabella Kramer
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Das Blau

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Das Blau

Ich bin das Himmelsblau, das nichts bedrängt.
Das Schwebende, das nicht träumt, noch denkt.
Habe kein Schicksal, keinen Willen;
leichter, als ich, ist nichts zu stillen.
Durchflutet von Freude oder Leid -
ich lobe die Notwendigkeit...
Dem goldgepanzerten Gletscher so fern
wie im Tale dem Waldanemonenstern -
ich lasse mich füllen, ich kann nichts tun,
als blauen, umhüllen und in mir ruhn...
Umwölbe wie meinen Kern die Welt...
Was weiß ich, ob sie Gott enthält.
Ich schlafe im Schatten meines Ich;
denn Meer und Ströme spiegeln mich.



Leo Sternberg, 1876-1937
Aus der Sammlung Im Weltgesang





Die Kinder-Gedichte-Welt feiert in wenigen Tagen ihren 8. Geburtstag.

Ich möchte mich für die wundervolle gemeinsame Zeit, das nicht nachlassende Interesse, die so aufbauenden und schönen Kommentare und Einträge im Gästebuch aus ganzem Herzen bedanken. 
In den Jahren haben sich über 500 !! Gedichte und über 160.000 !! Besucher hier eingefunden.
So möge es weitergehen. Ihr Zuspruch ist mir Ansporn, liebe Gäste. 


Dankeschön. 


Herzlichst Ihre,

Isabella Kramer




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Parabeln und Rätsel - Friedrich Schiller

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Die sechs Geschwister, die freundlichen Wesen,
Die mit des Vaters feuriger Gewalt
Der Mutter sanften Sinn vermählen,
Die alle Welt mit Lust beseelen,
Die gern der Freude dienen und der Pracht,
Und sich nicht zeigen in dem Haus der Klagen,
Die Farben sinds, des Lichtes Kinder und der Nacht.



Johann Christoph Friedrich von Schiller, (1759 - 1805), deutscher Dichter und Dramatiker Quelle : Rätsel aus »Turandot«



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Auf der Eisenbahn

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Auf der Eisenbahn

Flieg' ich durch die weite Welt,
Oder fliegt vorüber
Mir die Welt jetzt sonnerhellt,
Und dann wieder trüber?

Berg und Thäler, Wald und Flur
Und die grünen Bäume,
Sie entfliehn, als weilt' ich nur
In dem Reich der Träume.

Als ob auf gemaltem Grund
Sie vorüberzögen,
Daß sie reich und farbenbunt
Nur das Leben lögen.

Also zeigt das Leben auch
Seine bunten Bilder,
Heut' getrübt von Sturmeshauch,
Morgen klar und milder.

Wandre drum getrosten Muth's
Deinen Weg durch's Leben,
Was bewegt heut', morgen ruht's
Alles wechselt eben.






Karl Stelter





photo copyright: Isabella Kramer


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Das grüne Tier

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Das grüne Tier

Die Thadener zu Hanerau sind ausgewitzte Leute:
Wär noch kein Pulver in der Welt, erfänden sie es heute!
Allein, allein
So wird es immer sein:
Was man zum erstenmal ersicht,
Kennt selber auch der Klügste nicht!
Und – wie einmal die Thadner mähn,
Sie einen grünen Frosch ersehn,
So grüne, so grüne!

So grüne war der liebe Frosch und blähte mit dem Kropfe,
Den Thadnern fiel vor Schreck dabei die Mütze von dem Kopfe.
Mit Beinen vier
Ein grünes, grünes Tier!
Das war für sie zu wunderlich,
Zu neu und zu absunderlich!
Da mußte gleich der Schultheiß her,
Sollt sagen, welch ein Tier das wär,
Das grüne, das grüne!

Das grüne Tier der Schultheiß sah, als einen Hupf es machte –
Die Thadner wollten schon davon, da sprach der Alte: sachte!
Lauft nicht davon,
Es sitzt und ruhet schon.
Seid still! und ich erklär es bald:
Das Tier kommt aus dem grünen Wald,
Der grüne Wald ist selber grün,
Davon ist auch das Tier so grün,
So grüne, so grüne!

So grüne; denn es lebt darin von eitel grünem Laube,
Und – wenn es nicht ein Hirschbock ist, – ists eine Turteltaube!
Da hub der Hauf
Den Schulz mit Schultern auf,
Sie riefen: das ist unser Mann,
Der jeglich Ding erklären kann,
Er kennt und nennt es keck und kühn,
Kein Kreatur ist ihm zu grün,
Zu grüne, zu grüne!



August Kopisch, 1799 - 1853



Photo copyright: 
Isabella Kramer


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Drunten an der Gartenmauern...

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Drunten an den Gartenmauern

Drunten an der Gartenmauern
hab ich sehn das Häslein lauern.
Eins, zwei, drei -
legt's ein Ei,
lang wird's nimmer dauern.
Kinder, lasst uns niederducken!
Seht ihr's ängstlich um sich gucken? -
Ei, da hüpft's -
und dort schlüpft's
durch die Mauerlucken,
und nun sucht in alien Ecken,
wo die schönen Eier stecken:
Rot und blau
grün und grau,
und mit Marmelflecken*.




Friedrich Wilhelm Güll, 1812-1879



Marmel* ist ein altes Wort für Marmor, aber auch in der heutigen Zeit spricht man von marmorierten Eiern und meint damit gefleckte Eier z.B. Kiebitzeier


Photo Copyright: Isabella Kramer

 
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Rätsel aus Turandot - Friedrich Schiller

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Rätsel 


Von Perlen baut sich eine Brücke
Hoch über einen grauen See,
Sie baut sich auf im Augenblicke,
Und schwindelnd steigt sie in die Höh.

Der höchsten Schiffe höchste Masten
Ziehn unter ihrem Bogen hin,
Sie selber trug noch keine Lasten
Und scheint, wenn du ihr nahst, zu fliehn.

Sie wird erst mit dem Strom, und schwindet,
Sowie des Wassers Flut versiegt.
So sprich, wo sich die Brücke findet,
Und wer sie künstlich hat gefügt?

Diese Brücke, die von Perlen sich erbaut,
Sich glänzend hebt und in die Lüfte gründet,
Die mit dem Strom erst wird und mit dem Strome schwindet
Und über die kein Wandrer noch gezogen,
Am Himmel siehst du sie, sie heißt – der Regenbogen.




Johann Christoph Friedrich von Schiller, (1759 - 1805), deutscher Dichter und Dramatiker Quelle : Rätsel aus »Turandot«




Photo copyright: Isabella Kramer

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